Zwischen Pflegefachkraft, Elternvertreter-Terror und einer Springspinne
Ich bin eine gute Mutter.
Also… theoretisch. Zumindest habe ich das Zertifikat dafür mal irgendwo unter einem Stapel ungelesener Elternbriefe vergraben.
Kennt ihr diese fünf Minuten am Tag, in denen man denkt: „Mensch Nicole, heute gewinnst du den ‚Mutter des Jahres‘-Award“? Meistens ist das mittags um 14:00 Uhr, wenn ich nach dem Dienst im Altenheim noch halbwegs geradeaus gucken kann. Ich lächle mir im Spiegel zu, klopfe mir auf die Schulter – und genau in dem Moment kippt das Kind seinen Kakao über die frisch gewaschene Wäsche. Zack. Image im Eimer. Arschbombe zurück in die Realität.
Aber mal ehrlich: Wer will schon eine Disney-Prinzessin als Mutter? Die singen Vögeln was vor. Ich diskutiere lieber mit einer Achtjährigen über die lebenswichtige Notwendigkeit von Socken.
Ich bin die Mutter …
- die im Altenheim Schwerstarbeit leistet, nur um zu Hause festzustellen, dass eine 8-Jährige schwieriger zu pflegen ist als ein ganzer Wohnbereich.
- die als Elternvertreterin so tut, als hätte sie den totalen Durchblick, während sie innerlich bei jeder neuen Planung für das Schulfest leise weint.
- die in Lübeck mit dem Fahrrad gegen den Wind kämpft, während die Tochter vor ihr lautstark verkündet, dass man auch schneller fahren könnte.
- die so cool ist, dass eine Springspinne als Haustier einziehen durfte. (Ehrlich, die Spinne ist der einzige im Haus, der tut, was man ihm sagt. Und sie braucht keine neuen Schuhe.)
- die zwei Katzen hat, die wahrscheinlich mehr Respekt vor ihr haben als der Rest der Familie.
die mit 45 endlich begriffen hat, dass „Perfekt“ nur ein anderes Wort für „Langweilig“ ist.
Gleichzeitig bin ich aber auch die Mutter …
- die morgens im Flur steht und „Du musst LOS!“ brüllt, als würde sie eine Evakuierung leiten.
- die bei dem Wort „Basteln“ akute Schnappatmung bekommt. (Heißkleber ist mein persönlicher Endgegner.)
- die als Elternvertreterin zwar die E-Mails schreibt, aber selbst vergisst, dass morgen „Tag des gesunden Frühstücks“ ist und dem Kind schnell einen Schokoriegel zusteckt.
- die pädagogisch völlig wertfreie Sätze sagt wie: „Wenn du jetzt nicht die Schuhe anziehst, verkaufe ich die Springspinne auf eBay!“
- die ein schillerndes Vorbild an Inkonsequenz ist. Ich: „Kein Tablet heute, Schluss, Ende, Aus!“ – Auch ich, 10 Minuten später, weil ich 5 Minuten Ruhe brauche: „Hier, nimm das Tablet aber sag’s nicht Papa.“
- die heimlich die guten Süßigkeiten im obersten Schrank hinter den Haferflocken versteckt, damit die 8-Jährige sie nicht findet.
- die nach dem Dienst im Heim manchmal nur noch die Wand anstarren will, nach Desinfektionsmittel riecht und auf die Frage „Mama, was gibt’s zu essen?“ mit „Luft und Liebe – oder bestellt euch ’ne Pizza“ antwortet
Das Ding ist doch: Wir schauen uns online diese Hochglanz-Muttis an und denken, wir hätten versagt, weil unsere Küche nicht aussieht wie im Katalog und wir nicht jeden Tag Bio-Dinkel-Kekse backen. Aber wisst ihr was? Mein Kind lebt, die Spinne hüpft, die Heimbewohner sind versorgt und ich habe heute erst einmal laut geflucht.
Wir sind keine Rabenmütter, wir sind Realistinnen mit einem verdammt harten Job. Vielleicht sollten wir uns statt auf die Schulter zu klopfen, öfter mal ein Glas Wein oder besser Schnaps einschenken und darüber lachen, dass wir den Wahnsinn überhaupt überleben.
Grüße aus dem echten Leben (und aus Lübeck), Eure MamaBausl <3

Toller Beitrag!
… ich geh mal gucken wo das Tablet liegt. ^^