Ich bin eine von diesen Mamas, die man liebevoll als „etwas rundlich“ bezeichnen würde. Sagen wir mal so, mein persönliches Fitnessprogramm besteht aus dem Balancieren von Einkaufstüten und dem Sprinten, um den Bus zu erwischen. Sport, in jeder denkbaren Form, ist für mich ein Fremdwort. Ich habe die Turnhalle nur betreten, um die Leistungen meiner Tochter beim Judo zu bejubeln und dabei verstohlen Chips zu essen. Yoga, Joggen, Zumba – das sind für mich die drei Schrecken der Neuzeit.
Und dann kam der Tag, der meinen bisherigen Bewegungsradius von der Couch zum Kühlschrank und zurück revolutionierte: mein Geburtstag.
Mein Mann, dieser Optimist, dachte, es sei eine glorreiche Idee, mir einen Bogen zu schenken. Inklusive eines Einsteigerkurses. Ich glaube, er hatte da irgendwelche romantischen Vorstellungen von Diana, der Göttin der Jagd. Ich, in meinem Jogginganzug und mit der Pralinenschachtel in der Hand, sah eher aus wie die Göttin der Gemütlichkeit. Aber hey, ein Geschenk ist ein Geschenk, und ich bin nicht diejenige, die Geschenke ablehnt.
Die ersten paar Stunden waren eine Qual. Ich habe mehr geschwitzt als beim Versuch, ein Kleinkind in einen Winteroverall zu zwängen. Mein Arm zitterte, als würde ich einen Stromschlag bekommen, und mein Pfeil landete konsequent in der Böschung. Ich sah mich schon mit einem Pfeil im Fuß, während ich versuchte, ihn aus dem Gestrüpp zu fischen.
Aber dann, irgendwie, passierte etwas Magisches.
Ein Arbeitskollege von mir aus dem Altenheim geht auch Bogenschießen. Und plötzlich fand ich mich mit ihm auf einem 3D-Parcours in der Nähe wieder. Wir spazierten durch den Wald und schossen auf Schaumstofftiere. Es war wie eine Schnitzeljagd für Erwachsene, nur dass es keine Schätze gab, sondern nur die Genugtuung, einen Pfeil in einen Hirsch aus Plastik zu jagen.
Und wisst ihr was? Es hat mir gefallen.
Wir gehen öfter dorthin. Es gibt eine Wertung, aber im Grunde geht es nur darum, wer am wenigsten katastrophal ist. Man steht allein vor der „Beute“, atmet tief ein und versucht, sich zu konzentrieren. Keine schreienden Kinder, keine E-Mails, die beantwortet werden müssen. Nur du, der Bogen und ein Stück Schaumstoff, das dich verhöhnt.
Es ist eine Art Achtsamkeitsübung, nur mit einem gefährlichen Gegenstand. Man muss sich auf sich selbst konzentrieren, die Haltung, den Atem, den Moment. Plötzlich ist dieser Sport, vor dem ich mich so gefürchtet habe, mein persönlicher Zen-Moment geworden. Ich gehe raus, bin an der frischen Luft, bewege mich (zugegeben, nicht viel, aber immerhin) und finde eine gewisse Ruhe und Ausgeglichenheit.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ich, die Couch-Potato-Mama, ausgerechnet beim Bogenschießen das findet, was mir im Alltag fehlt? Es ist vielleicht nicht die Art von Sport, bei der man einen Sixpack bekommt, aber man hat zumindest die Chance, sich im Wald wie ein Waldläufer zu fühlen. Und hey, falls jemand einen Bogen als Geschenk bekommt, nehmt ihn an. Man weiß nie, ob er einen nicht doch zum Waldläufer macht.
Im Einklang mit Körper, Geist und Seele?
… so steht es in der Kursbeschreibung. Ich muss zugeben, am Anfang klang das für mich nach Esoterik-Gedöns. Ich, im Einklang mit was? Mit meinem Hosenbund, der nach dem vierten Keks droht zu platzen?
Aber tatsächlich steckt hinter dem Blabla mehr, als man denkt. Bogenschießen zwingt dich dazu, dich auf den Moment zu konzentrieren. Du stehst da, der Bogen in der Hand, die Sehne gespannt, und alles, was dich normalerweise ablenkt – die Wäsche, die E-Mails, das „Was gibt’s heute Abend zu essen?“ – rückt in den Hintergrund. Es geht nur noch um dich, den Bogen und das Ziel. Es ist die einzige Gelegenheit in meinem Leben, in der mein Kopf nicht wie ein Hamster im Rad rennt.
Das Ergebnis?
Eine aufrechte Haltung (weil man sonst den Pfeil nicht ordentlich abschießen kann), mehr Ruhe (weil man sonst das Ziel verfehlt) und ein Gefühl der Verwurzelung (ja, das Wort habe ich jetzt gelernt). Man lernt, die eigene Kraft zu spüren, ohne gleich einen Muskelkater zu bekommen. Und auch wenn ich nicht Yoga mache, so hat mir der Bogen doch gezeigt, dass es einen Weg gibt, sich wieder mit dem Boden unter den Füßen zu verbinden. Oder zumindest mit dem Matsch im Wald.
Freizeit ist nicht gleich Faulenzen
Früher war Freizeit für mich gleichbedeutend mit „Faulenzen“.
Couch, Netflix, Chips. Fertig.
Jetzt?
Jetzt ist Freizeit das, was ich gestalte. Ich ziehe meine wetterfeste Jacke an, schnappe mir den Bogen und den Köcher und gehe in den Wald. Es fühlt sich an, als würde man die eigenen Batterien wieder aufladen. Man erlebt sich selbst, nicht als Mutter, Ehefrau oder Angestellte, sondern als jemand, der ein Ziel treffen kann. Ich fühle die Muskelkraft, die sich auf den Pfeil überträgt, und die Energie, wenn er in das Schaumstofftier knallt. Es mag ein Klischee sein, aber dieses Erfolgserlebnis, dieser kleine Moment des Triumphs, stärkt das Selbstvertrauen ungemein.
Und das Beste?
Beim Bogenschießen schaltet man wirklich ab. Es gibt kein Handy, keine Erreichbarkeit, keine Ablenkung. Man ist einfach offline. Nur man selbst, der Bogen, die Natur. Es ist analog, authentisch und intuitiv. Und ganz ehrlich: Man kann sich im Wald viel besser konzentrieren, wenn man nicht ständig das Klingeln einer Telegramm-Nachricht im Kopf hat.
Mein Fazit:
Ja, ich bin immer noch etwas rundlich, und ja, ich esse immer noch gerne Chips. Aber jetzt habe ich einen Weg gefunden, die Natur zu genießen und zur Ruhe zu kommen. Und wenn mein Mann das nächste Mal einen romantischen Sport für uns beide vorschlägt, werde ich es mir zumindest anhören. Man weiß ja nie, wo der nächste Pfeil landet.
