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Der Weihnachtsstern in Lübeck

Personalisierte Weihnachtsgeschichte

Der Weihnachtsstern in Lübeck

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Der Weihnachtsstern wartet auf euren Namen

Kapitel 1

Lichter über der Stadt

In Lübeck roch die Luft nach Winter und ein bisschen nach Zucker. Über den alten Backsteinhäusern hingen Lichterketten wie leuchtende Spinnennetze, und aus den Fenstern schimmerten warme, gelbe Flecken auf das nasse Kopfsteinpflaster. DEINNAME zog die Jacke enger um sich. Kälte kroch durch die Handschuhe, aber das störte DEINNAME kaum. Viel schlimmer war das Ziehen irgendwo tief in DEINNAMEs Bauch. Dieses Jahr fühlte sich Weihnachten anders an. Zu leise. Zu klein. Zu weit weg von dem, wie es „immer“ gewesen war. Früher hatte die ganze Familie an einem einzigen Tisch gesessen: Oma, Opa, Tanten, Onkel, Cousins, alle durcheinander. Jetzt war alles kleiner geworden. Nur DEINNAME, ein Elternteil und ein viel zu stilles Wohnzimmer in einer neuen Stadt. „Es wird trotzdem schön“, hatte der Erwachsene heute Morgen gesagt und dabei versucht zu lächeln. „Wir machen uns unser eigenes Weihnachten. Versprochen.“ DEINNAME hatte genickt, aber im Bauch fühlte es sich nicht nach „trotzdem schön“ an, sondern nach „hoffentlich geht nichts schief“. Das Wichtigste an diesem Abend war der Stern. Der Weihnachtsstern war alt. So alt, dass das Gold an manchen Stellen schon ein bisschen abgeblättert war. Oma hatte ihn früher immer oben auf die Tannenspitze gesetzt und gesagt: „Solange dieser Stern leuchtet, finden wir immer wieder zueinander – egal, was im Jahr passiert.“ Als Oma irgendwann nicht mehr da war, hatte sie den Stern vererbt. Und jetzt, im neuen Zuhause, sollte der Stern zum allerersten Mal auf einem anderen Baum leuchten. DEINNAME hatte ihn vorhin ganz vorsichtig aus der Kiste geholt, den Staub weggepustet und ihn auf den Tisch gelegt. „Wir schmücken nachher zusammen“, hatte der Erwachsene gesagt. „Erst essen wir etwas Warmes, dann gibt’s Musik, dann kommt der Stern dran. Deal?“ DEINNAME hatte „Deal“ gesagt. Und dabei heimlich gedacht: Bitte, Stern, mach, dass es sich ein bisschen wie früher anfühlt. Jetzt stand DEINNAME vor dem Haus, trat nervös gegen einen kleinen Eisbrocken und schaute die Straße hinunter. Aus dem Nachbarhaus klangen schon Lieder. Jemand lachte laut. Im Fenster gegenüber zündete gerade jemand Kerzen an. Vielleicht tat die frische Luft gut, hatte DEINNAME gedacht. Nur einmal um den Block gehen, bis das Essen fertig ist. Kopf freibekommen. Aber das Ziehen im Bauch war mitgegangen. Um die Ecke bog ein Fahrrad ein. Das Vorderlicht leuchtete hell, Reflektoren blinkten kurz auf. Dahinter folgten noch drei Fahrräder, alle mit Lichterketten am Rahmen, als hätten sie sich selbst festlich geschmückt. Vorne fuhr ein Mädchen mit einem entschlossenen Blick. Neben ihr ein Junge mit einem Notizbuch in der Jackentasche, als würde er sogar beim Fahrradfahren darin schreiben. Hinter ihnen rollten noch zwei Kinder, die sich lachend etwas zuriefen. DEINNAME hatte die Vier schon ein paar Mal im Viertel gesehen. Sie wirkten immer so, als wären sie auf dem Weg zu etwas Wichtigem. Diesmal bremsten sie, als sie DEINNAME sahen. „Moin!“, rief das Mädchen vorne. „Du bist doch neu hier, oder?“ DEINNAME nickte vorsichtig. „Ja. Wir sind vor ein paar Monaten hergezogen.“ „Ich bin Gloria“, sagte das Mädchen. „Das sind Ben, Lynn und Filiz.“ Ben hob kurz die Hand, Lynn lächelte schüchtern, Filiz nickte so, als würde sie gleich von ihrem Fahrrad springen und über den Zaun klettern – einfach so. „Wir sind die 1, 2, 3, PENG – Fahrrad-Gang“, sagte Gloria, als wäre das ein ganz normaler Satz. „Wir sind auf dem Weg ins Altenheim Sonnenblick. Weihnachtsbesuch. Plätzchen, Lieder, sowas.“ DEINNAME schluckte. „Klingt … schön.“ „Du klingst nicht, als wäre bei dir gerade alles schön“, stellte Ben fest. Er schaute nicht neugierig, sondern aufmerksam. „Alles okay?“ DEINNAME wollte „Ja“ sagen und dann „Klar“, aber stattdessen kam ein ganz anderer Satz heraus: „Ich habe Angst vor Weihnachten.“ Es war raus. Einfach so. Die Worte schwebten zwischen den Rädern, als wären sie kleine, kalte Atemwolken. Gloria legte den Kopf schief. „Wegen was genau?“ DEINNAME erzählte. Vom neuen Zuhause. Dem kleinen Weihnachtsfest. Dem Gefühl, dass alles zerbrechlich war. Und von dem Stern. Wie wichtig er war. Wie sehr DEINNAME sich wünschte, dass wenigstens der Stern „wie immer“ wäre. „Oma hat immer gesagt, der Stern passt auf uns auf“, endete DEINNAME leise. „Ich hab ihm vorhin versprochen, dass er auch hier auf den Baum darf.“ Gloria nickte ernst. „Sterne haben viel zu tun.“ „Vielleicht ist dein Bauch nur aufgeregt“, meinte Lynn sanft. „Meiner macht das auch, wenn etwas Neues kommt.“ „Unser Bauch ist manchmal schlauer als unser Kopf“, sagte Gloria. „Papa sagt, das ist wie ein eingebauter Kompass.“ „Und unser Kompass sagt gerade“, mischte sich Filiz ein, „dass du heute nicht alleine rumstehen solltest. Willst du mit zum Sonnenblick? Nur kurz? Wir bringen Plätzchen hin und kommen dann wieder zurück. Dauert nicht lange.“ DEINNAME sah zurück zum Haus. Im Fenster flackerte das Licht vom Herd. Drinnen ging jemand hin und her. „Ich … darf bestimmt noch kurz draußen bleiben“, sagte DEINNAME. „Ich sag nachher, dass ich euch getroffen habe.“ „Super“, meinte Gloria. „Dann fahren wir langsam, damit niemand auf dem glatten Boden hinfliegt.“ Sie rückten auf ihren Fahrrädern ein Stück auseinander. „Fährst du mit?“, fragte Ben. „Oder läufst du nebenher?“ DEINNAME entschied sich fürs Laufen. Das Fahrrad stand noch ohne Licht im Keller, und heute war kein Tag zum Hinfallen. Und so setzte sich zum allerersten Mal im Leben eine kleine Fahrrad-Karawane in Bewegung, bei der mittendrin jemand lief, dessen Bauch zwar noch zog – aber ein winziges bisschen weniger.

Kapitel 2

Der verschwundene Stern

Der Sonnenblick war warm und hell, obwohl draußen der Abend schon an den Scheiben kratzte. Im Flur roch es nach Bohnerwachs, Kaffee und einem Hauch Zimt. Auf den Fensterbänken standen kleine Sterne aus Papier, und irgendwo spielte leise eine alte Weihnachtsplatte. „Moin, Herr Schmidt!“, rief Gloria, als sie an einer Bank vorbeikamen. Ein älterer Mann mit Mütze hob die Hand. „Na, ihr jungen Leute“, sagte er. „Habt ihr die wichtigsten Gäste dabei?“ „Plätzchen sind im Rucksack“, erklärte Filiz und klopfte auf ihren Beutel. „Und wir haben heute Verstärkung.“ Sie machte eine kleine Verbeugung in DEINNAMEs Richtung. „Das ist DEINNAME.“ „Willkommen in unserem Sonnenblick“, sagte Herr Schmidt freundlich. „Hier ist es an Weihnachten nie langweilig.“ In einem Gemeinschaftsraum verteilten sie Plätzchen, halfen einer Bewohnerin, einen Stern ans Fenster zu hängen, und sangen zwei Lieder. DEINNAME sang leise mit, die Stimme ein bisschen wackelig, aber es tat gut, zwischen anderen Stimmen zu stehen. Frau Petersen – eine Dame mit klaren Augen und einer Kette mit kleinem Anhänger – nickte im Takt mit und summte. Als die Lieder vorbei waren, winkte sie DEINNAME zu sich. „Zum ersten Mal Weihnachten in Lübeck?“, fragte sie. „Das habe ich gehört.“ DEINNAME nickte. „Ja.“ „Weißt du“, sagte Frau Petersen, „Weihnachten fühlt sich überall ein bisschen anders an. Aber etwas ist immer gleich: Man merkt, bei wem man sich zu Hause fühlt.“ DEINNAME dachte kurz an den Stern auf dem Tisch im Wohnzimmer. Und an Oma, die ihn immer so vorsichtig in den Händen gehalten hatte, als wäre er aus purem Licht. „Unser Stern ist sehr alt“, erzählte DEINNAME. „Und sehr wichtig. Ich hab Angst, dass er im neuen Zuhause irgendwie … nicht passt.“ „Wichtig ist nicht, ob er in ein neues Zimmer passt“, meinte Frau Petersen. „Wichtig ist, dass ihr wisst, warum ihr ihn aufhängt.“ Bevor DEINNAME antworten konnte, klatschte Gloria in die Hände. „Wir müssen langsam zurück“, sagte sie. „Sonst hängen bei DEINNAME zu Hause nur Kartoffeln am Baum und kein Stern.“ Es war ein Scherz, aber im Bauch zog es DEINNAME kurz zusammen. Was, wenn es wirklich schiefging? Sie verabschiedeten sich, setzten Mützen auf und traten zurück in die kalte Luft. Auf dem Weg nach Hause begleitete die Gang DEINNAME wieder ein Stück. „Wenn du magst“, sagte Gloria, „schau nach dem Essen kurz in deinen Garten. Wir wohnen nicht weit weg. Vielleicht können wir später noch im Laub-HQ eine heiße Schokolade trinken.“ „Laub-HQ?“, fragte DEINNAME. „Unsere Laubhütte im BausL-Garten“, erklärte Ben. „Da besprechen wir Fälle.“ „Fälle?“, wiederholte DEINNAME. „Wir lösen Rätsel“, sagte Filiz. „Verschwundene Katzen, verlorene Rezepte, Theaterkisten, sowas.“ „Bauchgefühl-Angelegenheiten“, ergänzte Lynn. DEINNAME musste zum ersten Mal an diesem Tag wirklich lachen. „Okay“, sagte DEINNAME. „Vielleicht bis später.“ Und dann war DEINNAME wieder vor der eigenen Haustür. Beim Eintreten schlug warme Luft entgegen. Es roch nach Suppe, Tannennadeln und einem Hauch Kerzenwachs. „Da bist du ja“, sagte der Erwachsene. „Ich hab schon gedacht, du bist nach Dänemark gelaufen.“ „Ich war im Altenheim“, erklärte DEINNAME und hängte die Jacke an den Haken. „Mit anderen Kindern. Wir haben gesungen.“ „Mit deiner Stimme hätte ich gerechnet“, schmunzelte der Erwachsene, „aber mit ‚anderen Kindern‘ noch nicht. Das klingt gut.“ Das Ziehen im Bauch wurde einen Moment lang ganz klein. Bis DEINNAME ins Wohnzimmer trat. Der Tisch war gedeckt, die Lichterkette am Baum leuchtete. Auf dem Tisch lag die offene Kiste mit dem Weihnachtsschmuck. Kugeln, Strohsterne, kleine Holzfiguren. Nur eins fehlte. Der Stern. „Wo … ist er?“, fragte DEINNAME. Die Stimme klang plötzlich viel dünner, als DEINNAME sich fühlte. Der Erwachsene sah auf. „Was?“ „Der Stern!“, rief DEINNAME. „Ich habe ihn vorhin hier hingelegt! Auf genau diese Tischdecke!“ Der Erwachsene trat näher. Die Tischdecke war leer. Nur ein kleiner goldener Glitzerkrümel lag noch da, als winziger Beweis. „Vielleicht hast du ihn doch wieder in die Kiste gelegt“, sagte der Erwachsene, aber in der Stimme lag schon diese unruhige Note, die sagte: Bitte sag, dass es einfach ist. Bitte nicht noch ein Problem heute. Sie suchten. Unter dem Tisch. In der Kiste. Zwischen den Kissen auf dem Sofa. Im Flur. In der Küche. Im Karton mit dem Papiermüll. Kein Stern. „Vielleicht ist er beim Lüften runtergefallen“, murmelte der Erwachsene. „Oder … im Karton verschwunden. Oder …“ Die Worte wurden immer hektischer. „Oder er ist weg“, sagte DEINNAME. „Ganz weg.“ Das Ziehen im Bauch war jetzt kein Ziehen mehr. Es fühlte sich an, als wäre ein Loch entstanden, genau dort, wo eben noch Hoffnung gewesen war. „Vielleicht ist er noch da“, sagte der Erwachsene, aber die Augen wanderten nervös durchs Zimmer, als suchten sie nach einem verschwundenen Weihnachten. DEINNAME stand einen Moment einfach nur da. Die Hände zu Fäusten geballt. Dann flüsterte DEINNAME einen Satz, der sich anfühlte, als würde er direkt zu Oma fliegen: „Wenn du irgendwo bist, Stern – dann gib uns ein Zeichen.“ In DEINNAMEs Kopf tauchte plötzlich das Bild der Fahrräder im Schnee auf. Die leuchtenden Lichter, das entschlossene Gesicht von Gloria. Die Worte, die vorhin gefallen waren, klingelten nach: „Wir lösen Rätsel.“ „Ich bin gleich wieder da“, sagte DEINNAME leise. „Wohin willst du denn …?“, begann der Erwachsene. Doch DEINNAME war schon im Flur, in die Stiefel geschlüpft, Jacke, Mütze, Türspalt, kalte Luft. Draußen lag eine dünne Schneeschicht auf der Straße. Lichter spiegelten sich darin. Und irgendwo, nicht weit weg, warteten vier Fahrräder und ein Laub-HQ auf ein neues Weihnachtsrätsel.

Kapitel 3

Spuren im Schnee

Im BausL-Garten leuchtete ein kleines Licht in der Laubhütte. Aus dem Inneren drang gedämpftes Stimmengewirr. DEINNAME klopfte vorsichtig gegen eine der Holzlatten. „Geheimcode?“, rief Filiz von drinnen. „Es zieht“, beschwerte sich Ben. „Mach die Öffnung nicht größer als nötig.“ „Wer klopft, wenn es schneit?“, kam es wieder von Filiz. „DEINNAME“, antwortete DEINNAME. „Mit einem Problem.“ „Das ist ein ziemlich guter Code“, fand Gloria. „Komm rein.“ DEINNAME schlüpfte durch den Eingang der Laubhütte. Innen war es enger als gedacht, aber gemütlich. Auf dem Boden lagen Decken, in der Mitte stand eine Thermoskanne mit Kakao. Eine Lichterkette wurde von einem Ast zum anderen gehängt und tauchte alles in warmes, goldenes Licht. „Setz dich“, sagte Lynn und rückte ein Stück zur Seite. Ben hatte sein Notizbuch schon in der Hand. „Erzähl“, sagte er. „Von vorne.“ DEINNAME erzählte. Von dem Stern. Vom Gold, von Oma, von dem Versprechen. Vom leeren Tisch, der Kiste, der vergeblichen Suche. Währenddessen wurde der Kakao langsam kühler, aber niemand dachte daran, ihn zu trinken. Als DEINNAME fertig war, blieb es einen Moment still. „Also“, sagte Ben schließlich. „Wir haben: einen alten, wichtigen Stern. Einen klaren Ablageort. Eine kurze Zeit, in der niemand im Zimmer war. Und dann: weg.“ Er schrieb mit großen Buchstaben: Fall Weihnachtsstern. „Verdächtige?“, fragte Filiz. „Der Wind?“, meinte Lynn. „Ein neugieriges Haustier, falls ihr eins habt?“ DEINNAME schüttelte den Kopf. „Kein Hund, keine Katze, keine kleine Schwester. Nur wir zwei.“ „Und niemand anders war in der Wohnung?“, fragte Gloria. „Besuch, Handwerker, Nachbarn?“ „Niemand“, sagte DEINNAME. „Glaube ich.“ „‚Glaube ich‘ ist ein wichtiges Detail“, murmelte Ben. „Manchmal fühlt sich etwas sicher an, obwohl doch eine kleine Lücke da ist.“ Gloria legte die Stirn in Falten. „Gab es heute einen Moment, in dem die Wohnungstür offen stand? Müll rausbringen, kurz mit dem Paketboten reden?“ DEINNAME dachte nach. Dann zuckte DEINNAME zusammen. „Der Paketbote!“, sagte DEINNAME. „Heute Mittag. Ich hab ein Paket für die Nachbarn angenommen. Der Flur war offen, die Wohnungstür auch.“ „Was war im Paket?“, fragte Filiz sofort. „Keine Ahnung“, sagte DEINNAME. „Es war nicht für uns.“ „Hat jemand anderes den Stern gesehen?“, bohrte Ben weiter. „Der Paketbote? Die Nachbarn?“ DEINNAME sah das Bild wieder vor sich: Der Stern auf der Tischdecke, während DEINNAME den Zettel unterschrieb. Die Nachbarin, die später die Wohnungstür kurz aufmachte, um sich zu bedanken. Ihr kleiner Bruder, der neugierig in den Flur guckte. Mit leuchtenden Augen. „Der Kleine hat reingestarrt“, erinnerte sich DEINNAME. „Durch den Türspalt. Vielleicht hat er den Stern gesehen.“ „Was wäre, wenn er dachte, der gehört zur Deko, die niemand braucht?“, überlegte Filiz. „Oder er wollte damit spielen?“ „Oder“, sagte Lynn langsam, „er wollte jemandem eine Freude machen.“ Alle sahen Lynn an. „Ich hab mal als Kind heimlich eine Kugel vom Baum genommen“, erklärte Lynn. „Ich wollte sie meiner Oma schenken, weil sie keinen eigenen Baum hatte. Ich dachte, eine Kugel weniger merkt niemand. Hab ich mich geirrt.“ Sie grinste schief. „Wir haben einen Verdacht“, fasste Ben zusammen. „Nachbarskind nimmt den Stern – nicht aus Bosheit, sondern weil der Stern so schön aussieht oder weil er ihn jemandem schenken will.“ „Also keine Diebstahl-Geschichte, sondern eine ‚zu gut gemeint‘-Geschichte“, meinte Gloria. „Mag ich lieber.“ „Und wie finden wir raus, ob das stimmt?“, fragte DEINNAME. Gloria stand auf. „Mit Fahrrädern und Bauchgefühl“, sagte sie. „Und mit diesem tollen Erfindungsduft draußen.“ „Erfindungsduft?“, fragte DEINNAME. „Der Geruch, der in der Luft liegt, wenn gleich etwas Neues passiert“, erklärte Gloria. „Komm.“ Sie zogen Jacken und Mützen wieder an. Draußen war der Schnee inzwischen ein wenig fester geworden, knirschte leicht unter den Schuhen. Die Luft brannte kalt in der Nase. „Wir gehen zu deinen Nachbarn“, sagte Gloria. „Alle zusammen. Keine Vorwürfe, nur Fragen.“ Vor der Nachbarwohnung blieb DEINNAME kurz stehen. Das Herz schlug so laut, dass DEINNAME dachte, die anderen müssten es hören. „Wenn du willst, red ich zuerst“, flüsterte Gloria. DEINNAME schüttelte den Kopf. „Es ist mein Stern“, sagte DEINNAME. „Also fange ich an.“ DEINNAME klingelte. Schritte, dann ging die Tür auf. Die Nachbarin stand da, ein Weihnachtsgeschirrtuch in der Hand. Hinter ihr schob sich der kleine Bruder hervor, mit neugierigen Augen. „Oh, hallo“, sagte die Nachbarin. „Na, ihr seid ja viele.“ „Entschuldigung, dass wir stören“, begann DEINNAME. „Ich wollte nur … fragen, ob … vielleicht …“ Alle Worte purzelten auf einmal durcheinander. Gloria räusperte sich. „Ist Ihnen heute zufällig ein goldener Weihnachtsstern aufgefallen?“, fragte sie höflich. „Er ist bei DEINNAME verschwunden. Ein ganz alter, besonderer.“ Die Nachbarin überlegte. „Ich habe keinen gesehen“, sagte sie. „Nur das Paket … und …“ Sie sah plötzlich auf ihren Bruder. „Tom?“ Tom biss sich auf die Unterlippe. „Ich wollte doch nur …“, murmelte er. „Tom?“, wiederholte die Nachbarin. Tom verschwand kurz und tauchte wenige Sekunden später wieder auf. In den Händen hielt er etwas, das in der Wohnzimmerlampe schimmerte. Der Stern. Er war unversehrt, nur ein neues Staubkrümelchen klebte an einer Ecke. „Ich wollte ihn der Frau schenken“, sagte Tom kleinlaut. „Da, wo immer keine Lichter sind. Die guckt immer so traurig aus dem Fenster. Ich dachte, sie hat vielleicht keinen Baum.“ „Welche Frau?“, fragte Ben. „Die, die gegenüber im Erdgeschoss wohnt“, sagte Tom. „Sie hat mir mal Schokolade gegeben, als ich hingefallen bin. Ich wollte ihr auch was schenken. Ich hab den Stern nur kurz hier hingelegt, weil ich ihn später hinbringen wollte. Ehrlich!“ DEINNAME hielt den Atem an. Der Stern war nicht einfach „weg“. Er war unterwegs gewesen. Mit einer guten Absicht. Die Nachbarin seufzte. „Tom, du kannst nicht einfach Sachen mitnehmen, die dir nicht gehören“, sagte sie. „Auch nicht für Geschenke.“ „Ich wusste ja nicht, dass der so wichtig ist“, flüsterte Tom. „Der hat nur so schön geleuchtet.“ DEINNAME sah den Jungen an. In Tom war bestimmt genauso ein Bauchziehen wie eben. Nur aus einer anderen Richtung. „Ich … bin nicht sauer“, sagte DEINNAME langsam. „Ich war nur … sehr erschrocken.“ DEINNAME streckte die Hände aus. Tom legte den Stern vorsichtig hinein. „Vielleicht“, sagte Gloria leise, „können wir aus zwei halben Ideen eine ganze machen.“ Alle sahen sie fragend an. „Die Frau gegenüber. Der Stern. Dein Wohnzimmer“, erklärte sie. „Was, wenn der Stern heute Abend zuerst bei DEINNAME leuchtet – und ihr später mit ihm zusammen zu der Frau rübergeht? Mit einem Teller Plätzchen. Dann bekommt sie ein Licht geschenkt, aber der Stern bleibt trotzdem in deiner Familie.“ Tom sah hoffnungsvoll auf. „Darf ich dann mit?“, fragte er. DEINNAME spürte, wie das Loch im Bauch sich langsam schloss. Stattdessen breitete sich etwas Warmes aus. Oma hätte vielleicht genau das gut gefunden: dass ihr Stern gleich zwei Wohnzimmer hell machte. „Ja“, sagte DEINNAME. „Aber ich trage ihn. Und ich erzähle der Frau, warum er so wichtig ist.“ „Deal“, sagte Tom.

Kapitel 4

Weihnachten im Doppellicht

Zu Hause legte DEINNAME den Stern noch einmal auf den Tisch. Der Erwachsene stand daneben, die Augen groß. „Du hast ihn wieder!“, rief der Erwachsene. „Wo war er denn?“ DEINNAME erzählte die ganze Geschichte. Von Tom. Von der Frau im Erdgeschoss. Von der Idee mit dem Geschenk. Beim Erzählen wurde die Stimme mit jedem Satz fester. „Also … war er nie so richtig weg“, schloss DEINNAME. „Er war nur kurz auf einem Umweg.“ Der Erwachsene atmete tief aus. „Manchmal nehmen Geschichten Umwege“, sagte er leise. „Hauptsache, sie kommen wieder bei uns an.“ Gemeinsam hoben sie den Stern an. Die Spitze des Tannenbaums wartete schon. DEINNAME stellte sich auf die Zehenspitzen, der Erwachsene hielt leicht am Rücken fest, damit niemand kippte. Als der Stern an seinem Platz war, schalteten sie alle Lichter aus. Nur die Lichterkette am Baum und der Stern leuchteten. „Oma hätte gesagt, dass er hier gut aussieht“, flüsterte DEINNAME. „Ich glaube, sie hätte auch die Idee gemocht, dass er Besuch macht“, meinte der Erwachsene. Später klingelte es noch einmal. Vor der Tür standen Gloria, Ben, Lynn und Filiz. Ihre Nasen waren rot von der Kälte, aber ihre Augen leuchteten. „Wir wollten sehen, wie der Stern aussieht, wenn er da ist, wo er hingehört“, sagte Ben. „Und wir bringen noch Verstärkung“, sagte Gloria und trat ein Stück zur Seite. Tom stand daneben, mit einem kleinen Teller voller Plätzchen. Auf dem Teller steckte eine Serviette mit krummen Weihnachtsbäumen drauf. „Fertig für Runde Zwei?“, fragte Filiz. „Weihnachten im Doppelpack?“ Gemeinsam gingen sie nach unten. Vor der Erdgeschosswohnung brannte kein Licht, aber hinter einem Fenster schimmerte der bläuliche Schein eines Fernsehers. DEINNAME klingelte. Das Herz klopfte wieder, aber diesmal war es ein gutes Klopfen. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Frau mit müden Augen sah hinaus. „Entschuldigen Sie“, begann DEINNAME. „Wir wollten Ihnen etwas bringen.“ DEINNAME hob den Teller hoch. „Das sind Plätzchen. Und … eine Geschichte.“ Die Frau öffnete die Tür ganz. „Eine Geschichte?“, fragte sie. Also erzählte DEINNAME. Vom Stern. Von Oma. Vom Umzug. Vom Bauchziehen. Von Tom. Von der Idee, dass ein Stern zwei Wohnungen hell machen kann. Die Frau hörte zu, und ihr Blick wurde bei jedem Satz weicher. Am Ende strich sie sich mit der Hand über die Augen, als müsste sie etwas wegwischen. „Ich bekomme nicht oft Besuch“, sagte sie leise. „Und schon gar nicht mit so einer Geschichte.“ „Darf der Stern kurz bei Ihnen leuchten?“, fragte DEINNAME. „Nur für heute. Morgen hängt er wieder bei uns. Aber heute … wäre er gern auf Reise.“ Die Frau nickte. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Dort stand eine kleine Topfpflanze auf dem Tisch, mit einer einzigen Lichterkette. Sie sah ein bisschen verloren aus. Vorsichtig legten sie den Stern auf die Pflanze, so dass er im Licht der Kette glitzerte. Plötzlich sah die ganze Ecke nicht mehr traurig aus, sondern warm. Wie ein kleiner Sonnenblick mitten im Erdgeschoss. „Danke“, sagte die Frau. „Euch allen.“ Tom strahlte. „Ich wollte doch nur, dass es irgendwo mehr leuchtet“, murmelte er. „Das hast du geschafft“, sagte Gloria. „Jetzt leuchtet es an zwei Orten.“ Auf dem Rückweg blieb DEINNAME kurz auf der Treppe stehen. Durch das Fenster konnte man in beide Wohnzimmer sehen: oben der Baum, unten die kleine Pflanze. Und in beiden leuchtete derselbe Stern – einmal echt, einmal als Geschichte. Später, im Laub-HQ, fasste Ben alles in seinem Notizbuch zusammen: „Fall Weihnachtsstern: gelöst. Kein Diebstahl, sondern ein Geschenk-Umweg. Merksatz: Manchmal muss ein Stern kurz verschwinden, damit mehr Leute sein Licht sehen.“ „Und was ist mit Familie?“, fragte Lynn. „Familie ist da, wo man Geschichten teilt“, sagte Gloria. „Und Sterne. Und Plätzchen.“ DEINNAME saß zwischen ihnen, die Hände um einen Becher heißer Schokolade gelegt. Das Ziehen im Bauch war weg. Stattdessen war da etwas anderes: das Gefühl, angekommen zu sein – nicht nur in einer neuen Stadt, sondern in einer Geschichte, in der DEINNAME die Hauptrolle spielte. „Ich hätte nie gedacht“, sagte DEINNAME leise, „dass ein verschwundener Stern so viele Leute zusammenbringen kann.“ „Das ist das Ding mit Weihnachten“, meinte Filiz. „Wenn was schiefgeht, gibt es mehr zu erzählen.“ Draußen fiel leise neuer Schnee. Über Lübeck hingen Sterne: echte am Himmel, Lichter in den Fenstern und einer, der an diesem Abend zwei Wohnzimmer gleichzeitig warm machte. „1“, sagte Gloria und streckte die Hand aus. „2“, sagte Ben und legte seine darauf. „3“, sagte Lynn. „PENG!“, rief Filiz, und diesmal legte DEINNAME die eigene Hand ganz selbstverständlich obenauf. Weihnachten war anders geworden. Aber anders war gar nicht so schlecht.