Ein persönlicher Gedanke über Anfänge, Teamgeist und das leise „surr“ einer gut geölten Kette.
Ich rolle auf der Felge in den Hof. Das alte Flohmarkt‑MTB klappert, die Felge klingt hohl. Zwei aus der Werkstatt heben wortlos die Hand: „Bleib kurz, wir machen’s dicht.“ Schlauch, Pumpe, ein Blick auf die Bremse, Luft. Drei Minuten später steht das Rad, als hätte es nie gejault. Ich atme aus. Es ist der Moment, in dem ich verstehe, wie sich Mannschaft anfühlt.
Prolog
Ich bin 47 und fange neu an. Nicht zum ersten Mal – aber diesmal fühlt es sich anders an. Kein Titel, keine Bühne, keine „große Mission“. Eine Werkstatt. Fahrräder. Hände, die nach Öl riechen. Ein Team, in dem ich nicht der Älteste sein will, aber definitiv zu den Ältesten gehöre. Und ein kurzer Arbeitsweg mit langen Arbeitstagen, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte … eine völlig „neue Welt“ in der ich mich zurechtfinden möchte.
Gedanke: Würde ist, wenn Arbeit Sinn macht – nicht, wenn sie glänzt.
Woche 1: Wirklichkeitstest
Die Tage von neun bis neunzehn Uhr sind ehrlich. Sie lassen keinen Platz für Geschichten, die man sich selbst erzählt. Entweder du lernst – oder du bleibst stehen.
Seit Tag eins war jede Information und jeder Handgriff neu: Drehmomente, Standards, neue Bauteile, IT‑Prozesse. Der Fortschritt in der Fahrradtechnik hat mich überwältigt. Mein Kopf qualmt, jeder Auftrag ist anders, und abends falle ich erschöpft ins Bett. Und doch freue ich mich morgens auf die Werkbank.
Am letzten Tag der Woche rollte ich „auf der Felge“ in den Hof. Mein altes Flohmarkt‑Mountainbike: lebensgefährlich, sagten die Kollegen – und halfen trotzdem. Neuer Schlauch, Luft drauf, Feierabend gerettet. Ich habe selten so schnelle Solidarität erlebt. Mannschaft schlägt Mythos Einzelkämpfer.
Woche 2: Recherche, Gespräche, neues Rad
Nach dem ersten Plattfuß war klar: So wird das nix mit einem stessfreiem Arbeitsweg. Abends wühlte ich mich durch die Webseiten meines Arbeitgebers, lernte Modellfamilien, Geometrien und Antriebe – und fand das Rad, das zu mir passt. Am folgenden Arbeitstag hatte ich endlich Gesprächsthemen: Ich erzählte den Kollegen, welches Rad ich mir irgendwann mal kaufen möchte, erfragte Unterschiede in den Modellen, die mir noch nicht ganz klar waren und kam ins Gespräch. Einer der Kollegen grinste um die Ecke und bot mir genau dieses Wunsch-Modell, mit noch besseren Upgrades, zu einem sehr guten Preis an. Seitdem fahre ich wie ein König zur Arbeit: ruhiger Puls, kein Keuchen am Tor, mehr Kraft für den Tag!
Warum Handwerk (wieder) gut tut
Wenn die Hände arbeiten, sortiert sich der Kopf. Eine sauber eingestellte Schaltung ist kein Like, sondern etwas, das du spürst, wenn das Rad im Ständer surrt und auf der Straße ruhig schaltet. Am Schraubstock darf gelacht werden; ein guter Spruch wiegt manchmal mehr als eine Präsentation. Und der Körper lernt mit: Rücken und Griffkraft murren in Woche eins – und werden in Woche zwei schon leiser.
Gedanke: Erfolg, der sich anfassen lässt, heilt Zweifel, die man nicht sieht.
Team lernen (nach Jahren Solo)
Ich war lange mein eigener Takt. Jetzt spiele ich im Takt anderer mit. Das trägt – und fordert. Ich habe ein Team, das erklärt, korrigiert, anfeuert. Gleichzeitig prallen Diskussionen, Musik und ständige Nachfragen auf meine Art zu arbeiten. Tiefes, ungestörtes Schrauben ist selten. An meiner Antwort darauf arbeite ich noch: kurze Fokusfenster von wenigen Minuten, eventuell Ohrstöpsel mit Filter (?), überall kleine Notizen damit ich nicht wieder etwas vergesse weil ich ständig abgelenkt werde, und echte Pausen statt „nur schnell etwas nebenbei reinschieben“. Dazu kommt ein völlig neuer Tagesablauf mit Basics, die ich mir neu angewöhne: früh fragen, Feedback einholen, Routinen der Kollegen übernehmen, eigene Stärken leise einbringen – und Konflikte klein halten, bevor sie groß werden.
Lernen in Schichten
Ich notiere mir jeden Tag drei Dinge, die bleiben sollen: einen Griff am Werkzeug, eine Reihenfolge, einen Trick. Erst kommt die Sicherheit (Bremsen, Drehmomente, Licht), dann Sauberkeit (putzen, pflegen, einstellen), anschließend Personalisieren (Kundenwünsche verstehen) und IT & Organisation (Tickets, Teile, Übergaben). Tempo kommt zuletzt – und bleibt erst, wenn die anderen Schichten sitzen.
Gedanke: Nicht schneller werden. Richtig werden. Schnell kommt dann von allein.
Energie & Essen: der unterschätzte Teil
Ich bin ein sehr schlechter Esser. Ich erledige lieber erst Dinge und esse später – hier scheitert das komplett. Die Tage sind lang; ohne Treibstoff werde ich unkonzentriert und mache Fehler. Fertiggerichte in der Mitarbeiterküche sind teuer und selten gut. Lösung: mindestens einmal pro Woche vorkochen, eine Brotzeit‑Box für jeden Tag, Thermosuppe an kalten Tagen, zwei feste Esszeiten (vor der Arbeit und in der Mittagspause), viel Wasser und nach 16 Uhr kein Koffein mehr!! Seit ich das ernst nehme, sind die Abende klarer, die Hände ruhiger, und die Einschlafphasen wesentlich kürzer.
Der Arbeitsweg (2 km ehrliche Zeit)
Mein altes MTB knarzte, jetzt surrt es – und mit dem neuen Rad noch leiser. Zwei Kilometer sind nicht heroisch, aber sie verändern den Tag: um 7 das Kind zur Schule schicken, vor 9 Uhr wach auf der Arbeit ankommen, öfter mal auf den Wegen nass werden, aber keine Staus mehr, und keine hohen Kosten für den Weg zur Arbeit mehr. Meine kleine Routine: Essen, Getränkepulver, Licht, Handschuhe, ein trockenes T‑Shirt im Rucksack; und abends wische ich die Kette und das neue Fahrrad kurz ab, damit es lange so schön und gängig bleibt wie es ist. Kleine Dinge, große Wirkung.
Familie als Werkstatt
Acht Jahre Hausmann prägen: zuhören, den richtigen Moment finden. Das hilft in der Werkstatt und zu Hause. Am ersten freien Sonntag standen meine Tochter und ich im Garten: putzen, ölen, Bremsen prüfen. „Papa, es fährt wie neu.“ – „Es fährt, weil es gepflegt ist.“ Der Abstand zu meiner Familie durch die langen Schichten ist spürbar; Kopf, Körper und Herz müssen einen neuen Rhythmus finden. Wir nutzen unsere freien Tage nun noch besser und intensiver. Der Sonntag wird zu dritt zum „Feiertag“ und keine freie Minute bleibt ungenutzt. Es wird in Woche 3 so langsam zum Alltag – und genau das gibt Halt.
Über Angst und Mut
Ja, ich hatte Angst. Nicht die große, sondern die leise: zu langsam, zu sperrig, zu „anders“ zu sein. Die Antwort kam nicht aus einem Buch. Sie kam aus Händen, die mit anpackten, und aus meinem alten MTB, das nach zwei Stunden Liebe wieder rollte. Der Mut ist kein Trommelschlag. Er ist ein neuer Rhythmus, den man besser hören kann, wenn man einfach „mitmacht“.
Gedanke: Mut ist die Summe vieler kleiner Ja‑Sagen.
Zwischenstand nach zwei Wochen
Die ersten zwei Wochen waren hart. Ich habe mir kleine Schnitte geholt, mir den Kopf an Haken gestoßen, die Knie an Pedalen angeeckt; Finger sind in Zügen hängen geblieben, die Gelenke haben gebrannt. Ein kleiner Sturz auf dem Weg zur Arbeit hat das Schienbein blau und die Handflächen aufgeschürft hinterlassen. Nicht, weil ich es nicht kann – sondern weil ich müde war und manchmal neben mir stand. Probleme ließen sich nicht „wegbeschleunigen“. Das kratzt am Ego!
Also drehe ich die Reihenfolge um: erst sauber, dann schnell. Ich schreibe mir Fehler kurz auf, notiere die Gegenmaßnahme und teste sie in der nächsten Schicht. Ich frage früher um Hilfe. Und ich behandle Schlaf und Essen wie Bauteile: Man lässt sie nicht weg.
Epilog

Ich werde mich nicht verbiegen. Aber ich lerne, mich zu bewegen. Das reicht. Wenn das „surr“ der Kette leise in den Feierabend klingt, weiß ich: Heute war ein guter Tag. Nicht, weil alles perfekt war – sondern weil ich weitergegangen bin.
Frage an dich: Wo könntest du heute einen kleinen Anfang machen, der morgen schon leichter rollt?
