Kapitel 3
Der erste richtige Fall
Der Entschluss, den Gloria am Abend gefasst hatte, war am nächsten Morgen nicht verflogen wie ein Traum. Im Gegenteil: Er saß fest und kribbelnd in ihrem Bauch, wie ein kleiner Energieball. Eine Mannschaft! Ein richtiges Team, das zusammenhält und Gutes tut.
In der großen Pause stand Gloria mit Ben und Lynn am Rand des Schulhofs. Ihr Herz klopfte schneller als sonst. „Ich hab gestern lange nachgedacht“, begann sie und legte eine Hand auf ihren Bauch. „Ihr wisst doch, wie wir beim Fahrradfahren, im Altenheim und auf dem Schulhof gemerkt haben, dass es sich gut anfühlt, wenn man anderen hilft. Was wäre, wenn wir das nicht nur zufällig machen, sondern richtig? Als Team?“
Ben hörte auf zu summen. „Als … Mannschaft?“
„Ja“, sagte Gloria. „Eine Bande. Wir sind mit den Fahrrädern schnell überall. Wenn jemand ein Problem hat, könnten wir hinfahren, nachdenken, helfen.“ Lynn knabberte an ihrem Pausenbrot. „Und wenn wir es nicht schaffen?“
Gloria spürte das vertraute Kribbeln in ihrem Bauch. „Dann versuchen wir es wenigstens. Papa sagt, jeder Krümel zählt. Jeder kleine Schritt.“
Ben sah von einem zum anderen. „Wir bräuchten ein Hauptquartier“, meinte er dann. „Und einen Namen. Ohne Namen ist es keine richtige Bande.“
„Das machen wir nach der Schule“, beschloss Gloria.
„Kommt alle zu mir in den Garten. Heute. Wir gründen unsere Gang.“
Gleich nach der Schule trommelte sie Ben und Lynn in den Garten.
„Bevor wir eine Bande gründen, brauchen wir ein richtiges Hauptquartier“, sagte Gloria. „Nicht nur das alte Baumhaus. Etwas, das nur uns gehört.“
Zwischen den Apfelbäumen türmten sie abgefallene Äste, alte Bretter, eine ausrangierte Picknickdecke und jede Menge große Blätter auf. Ben schleppte Stöcke an, Lynn sortierte sie nach Länge, und Gloria steckte sie wie Zeltstangen in den Boden. Stück für Stück entstand eine kleine Hütte aus Blättern und Zweigen – mitten im Gras, umringt von ihren Fahrrädern.
„Gang-HQ“, murmelte Ben ehrfürchtig, als sie fertig waren, und schrieb die Worte sorgfältig in sein Notizbuch, daneben eine kleine Skizze der Hütte.

Sie krochen durch den schmalen Eingang. Innen roch es nach Holz, Erde und ein bisschen nach Abenteuer. Das Licht fiel nur durch kleine Blattlücken hinein und malte grüne Muster auf den Boden.
„Also“, begann Gloria und versuchte, so entschlossen zu klingen wie ein echter Kapitän, „wir sind schon zu dritt. Wir können eine richtige Bande gründen.“
Ben setzte sich auf einen dicken Ast und kritzelte in ein Notizbuch.
„Eine Bande? Cool! Mit Geheimsprache und so?“
„Und mit einem Namen!“, rief Lynn. Ihre Augen leuchteten bei dem Gedanken an neue Abenteuer. „Sowas wie ‚Die Lübecker Fahrrad-Gang‘!“
„Genau“, sagte Gloria. „Eine Bande, die hilft. Wenn wir ein Problem sehen, packen wir es an.“
In diesem Moment spürten alle drei, dass etwas Besonderes begann – als wäre das kleine Laubzelt plötzlich ein ganz großes Schiff.
Da hörten sie von draußen ein leises Schluchzen.
Die Kinder spähten durch eine Lücke im Blätterdach. Auf der Wiese saß Petra aus der Nachbarschaft und weinte. Ihre Schultern zuckten, ihre Hände klammerten sich an ein zerknülltes Taschentuch. Sofort krochen sie aus der Hütte.
„Petra? Was ist los?“, fragte Gloria.
„Muffin ist weg!“, schluchzte sie.
Muffin, ihre weiße, flauschige Katze mit den bernsteinfarbenen Augen. „Schon seit vorgestern. Ich habe überall gesucht! Bei den Mülltonnen, hinter dem Schuppen, sogar im Keller. Sie kommt einfach nicht heim!“
Die drei sahen einander an. Das hier war mehr als ein Nachbarschaftsproblem.
Das war ihr erster richtiger Fall.
„Wir kümmern uns“, sagte Gloria ruhig. „Versprochen.“
Zurück im Blätter-Hauptquartier wurde der gemütliche Raum zum „War Room“. Ben klappte sein Notizbuch auf. „Fall 1: Muffin“, murmelte er und schrieb. „Fragen: Wo wurde sie zuletzt gesehen? Gibt es Feinde? Gibt es Lieblingsplätze?“
Lynn dachte laut: „Petra hat gesagt, Muffin ist in letzter Zeit öfter weggelaufen. Das ist komisch. Normalerweise klebt sie an ihr wie Kaugummi.“
In diesem Moment raschelte es im Gebüsch. Eine schlanke Gestalt schwang sich über den Zaun und landete elegant auf der Wiese.
„Entführung?“, flüsterte Filiz, die im selben Viertel wohnte und schon seit Tagen beobachtet hatte, wie oft Gloria, Ben und Lynn mit ihren Rädern unterwegs waren. Sie war aus ihrer Klasse – bekannt für Mut, Turnübungen auf dem Klettergerüst und dafür, selten den normalen Weg zu nehmen, wenn es auch über den Zaun ging. „Ich hab nur ein Wort gehört: Katze. Was ist los?“
Gloria grinste. „Perfektes Timing. Wir haben gerade den ersten Fall, die Katze Muffin ist verschwunden.“
„Dann bin ich dabei“, sagte Filiz und schob sich ohne zu fragen in die Hütte. „Jede Bande braucht eine Spezialistin für waghalsige Aktionen.“
Gloria nickte. „Okay, Team. Ben, du befragst die Nachbarn und sammelst Sichtungen.
Lynn, du fährst langsam die Straßen im Viertel ab und merkst dir alles Ungewöhnliche.
Filiz, du und ich suchen die Hinterhöfe und Gärten. Irgendwo hier muss Muffin sein.“
Die Fahrräder schossen in alle Richtungen davon.
Eine Stunde später trafen sie sich wieder im Gang-HQ. Bens Karte sah aus wie ein Spinnennetz aus Pfeilen und Kreisen. „Alles widersprüchlich“, seufzte er. „Frau Meier will Muffin heute früh Richtung Hauptstraße gesehen haben. Herr Kruse vom Kiosk schwört, sie sei vor einer Stunde an der Bäckerei gewesen. Und Herr Yilmaz aus der Seitenstraße meint, sie hätte gestern Abend bei den Containern geschnuppert.“
Die Hauptstraße machte allen Bauchweh. Autos, Busse, Lieferwagen und ein ständiges Rauschen.
„Wir müssen trotzdem nachsehen“, sagte Gloria leise. „Wenn sie dort ist, hat sie vielleicht Angst.“
Sie fuhren in einer Linie hintereinander, so wie Papa es Gloria beigebracht hatte. An der Ampel warteten sie brav, bis das Männchen grün wurde. Ihr Bauch kribbelte, aber diesmal nicht wegen der Autos, sondern vor Sorge um Muffin.
Hinter der Bäckerei fanden sie nur ein paar leere Papiertüten und Brotkrumen. Neben den Containern wehte ihnen muffiger Geruch entgegen, aber keine Spur von weißem Fell.
„Vielleicht ist es doch zu schwer für uns“, murmelte Lynn und stieß mit der Schuhspitze einen Stein an.
Gloria spürte, wie das Kribbeln in ihrem Bauch dagegen protestierte, aber Aufgeben passte nicht zu Lennards Bauchgefühls-Regel.
„Noch nicht aufgeben“, sagte Gloria. „Ben, zeige mir bitte die Karte noch einmal.“
Sie setzten sich auf den Bordstein. Ben breitete das Notizbuch aus. Die Pfeile kreuzten sich überall – und doch verließen sie nie einen bestimmten Bereich des Plans.
„Seht ihr?“, sagte Ben plötzlich. „Alle Sichtungen bleiben in diesem Kreis. Und in der Mitte liegt …“
„…das Altenheim Sonnenblick“, beendete Gloria den Satz. „Da arbeitet meine Mama.“
„Warum sollte Muffin in ein Altenheim gehen?“, sagte Lynn und runzelte die Stirn.
„Vielleicht gibt es dort jemanden, der ihr heimlich etwas zusteckt“, meinte Filiz. „Oder sie hat sich verirrt. Oder … sie mag alte Menschen.“
„Oder sie hat dort einen ruhigen Platz gefunden“, antwortete Gloria. „Wir gucken nach.“
Sie radelten zum „Sonnenblick“. Glorias Mutter war gerade in der Pause. „Eine verschwundene Katze?“, fragte sie. „Hier laufen manchmal Tiere herum. Fragt mal Herrn Griesgram, der kennt jeden Winkel.“
Herr Griesgram hatte einen Bart wie ein verfilzter Seehund und stand mit einer Harke im Gemüsebeet.
„Kein Spielplatz hier“, brummte er, als er die Fahrräder sah. „Das ist ein Altenheim, kein Abenteuerspielplatz.“
Lynn atmete tief ein. „Entschuldigen Sie“, sagte sie höflich, „stimmt es, dass Ihr Apfelkuchen eine Prise Kardamom hat? Man riecht das schon draußen.“
Der Mann blinzelte überrascht. „Woher weißt du das?“
„Meine Oma backt auch so“, sagte Lynn und lächelte. „Sie sagt, so schmeckt der Herbst.“

Ein Lächeln kann Türen öffnen, die keine Klinke haben. Griesgrams Stirn glättete sich ein wenig.
„Na gut“, brummte er. „Wenn ihr nach der Katze sucht: Hinter dem Haus ist der alte Geräteschuppen. Unbenutzt. Die Katzenklappe hab ich neulich geölt. Für den Igel. Jetzt geht sie wieder.“
Der Schuppen war verschlossen, doch die kleine Klappe stand einen Spalt offen.
„Zu klein für uns alle“, stellte Ben fest.
Filiz grinste. „Zu klein für euch. Perfekte Größe für mich.“
Sie kniete sich hin, schob erst den Kopf, dann die Schultern, dann den Rest durch die Öffnung. Drinnen hörten die anderen ein dumpfes „Wupp“ und dann ein leises Rascheln.
„Alles okay?“, flüsterte Gloria durch die Klappe.
„Hier drin riecht es nach Erde, altem Holz … und irgendetwas Warmem“, kam Filiz’ Stimme zurück. „Wartet.“
Es raschelte, als würde jemand vorsichtig in der Dunkelheit tasten. Ein Eimer klapperte.
Dann hörten sie ein leises „Miau“.
„Ich glaube, ich habe sie gefunden!“, rief Filiz. „Aber sie ist nicht allein.“
Von innen schob sie den rostigen Riegel zurück. Die Tür quietschte, als Gloria sie einen Spalt öffnete. Ein Streifen Licht fiel in den Schuppen.
In der hintersten Ecke, auf einem Haufen Jutesäcke, lag Muffin. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten im Halbdunkel. Und dicht an sie gedrängt lagen fünf winzige Kätzchen, die leise fiepten.
„Oh“, entfuhr es Lynn. „Sie ist Mama geworden.“
„Darum ist sie immer weggeschlichen“, flüsterte Gloria. „Sie hat einen ruhigen Ort für ihre Babys gesucht.“
„Und hat das Altenheim ausgesucht“, sagte Ben. „Gar nicht so dumm. Hier ist es friedlich.“
Filiz strich Muffin vorsichtig über den Rücken. „Sie wurde nicht entführt, sondern ist ausgezogen, um eine Familie zu gründen“, sagte sie und salutierte grinsend.
Sie radelten zu Petra, die mit hängenden Schultern vor ihrem Haus saß. Als sie hörte, dass Muffin gefunden war, erst lachte sie, dann weinte sie vor Erleichterung.
„Sie hat Babys? Wirklich?“ Ihre Stimme überschlug sich fast. „Können wir sie dort besuchen?“
„Natürlich“, sagte Gloria. „Aber die Kleinen müssen erst wachsen. Dann könnt ihr zusammen entscheiden, was mit ihnen passiert.“
Petra nickte heftig. „Danke. Danke euch allen. Ich dachte schon, ich hätte sie verloren.“

Später, zurück im Laub-Hauptquartier, machte Ben einen großen, grünen Haken in sein Notizbuch.
„Fall 1 abgeschlossen“, sagte er feierlich. Gloria sah ihre Freunde an. „Alleine hätten wir das nie geschafft. Lynn hatte die Erinnerung an Muffins seltsames Verhalten, Ben den Plan und Filiz die Beweglichkeit.“
„Und dir verdanken wir den Mut, nicht aufzugeben“, sagte Lynn.
„Uns allen“, antwortete Gloria. „Aber eines fehlt noch: unser Name.“
Sie setzten sich im Kreis. Durch die Lücken im Blätterdach sah man ein Stück blauen Himmel.
„Wir sind schnell mit den Fahrrädern“, überlegte Ben, „und helfen Leuten, wenn sie ein Problem haben.“
„Und wir starten immer zusammen“, sagte Lynn. „Wie beim Rennen auf dem Sportfest: Erst zählt jemand, dann geht es los.“
Sie dachten an den Moment kurz vor dem Start, wenn alle Muskeln gespannt sind und man kaum noch stillstehen kann.
„Erst eins“, sagte Gloria leise.
„Dann zwei“, flüsterte Ben.
„Dann drei“, fügte Lynn hinzu.
„… und dann Peng!“, rief Filiz, warf die Arme in die Luft, als würde ein Startschuss fallen. Gloria strahlte. Die Worte fühlten sich genau richtig an, so wie ein Fahrrad, das perfekt passt.
„1, 2, 3, Peng – Die Fahrradgang“, sagte sie. „Das sind wir.“ Hände in die Mitte: erst Ben, dann Lynn, dann Filiz und Gloria obenauf.
„P E N G ! ! !“, riefen sie im Chor.
Draußen schaukelten die Apfelbäume leicht im Wind, ihre Fahrräder warteten im Gras, und aus dem Altenheim wehte der Duft von Apfelkuchen herüber. Hoch über der kleinen Laubhütte roch die Luft nach Holz und Abenteuer.
Die Fahrrad-Gang war geboren. Ihre erste Mission war geschafft.
Und irgendwo in Lübeck stieg süßer Duft aus einer alten Backstube auf. Durch ein offenes Fenster wehte der Geruch von frischen Brötchen und warmem Kuchen auf die Straße, doch hinter der Theke runzelte ein alter Bäckermeister die Stirn. Zwischen Mehlstaub, Backblechen und Teigschüsseln fehlte plötzlich etwas so Wichtiges, dass er sich die mehligen Hände an der Schürze abwischte und zum dritten Mal dieselben Schubladen durchsuchte.
Bald würden die Leute tuscheln, Kunden Fragen stellen und Gerüchte wie der Duft von frisch gebackenem Brot durch die Straßen ziehen.
Noch ahnte die Fahrrad-Gang nicht, dass ihr nächstes Rätsel längst auf sie wartete.
