Kapitel 2
Alles wird anders
Der Wind der Veränderung wehte durch das Haus der Familie BausL: Morgens klapperte Papas Schlüsselbund früher, und abends blieb der Küchentisch manchmal leerer als früher. Papas neue Arbeit in der Fahrradwerkstatt und Mamas zusätzliche Stunden im Altenheim machten die Tage voller und die Abende leiser.
Oft war es im Flur stiller als früher, wenn Gloria aus der Schule kam.
„Das gehört dazu“, sagte Mama und lächelte müde, wenn Gloria sie ansah. „Aber sieh es mal so: Jetzt kannst du zeigen, was für ein großes Mädchen du schon bist.“
Gloria mochte das Wort „groß“. Es fühlte sich an wie ein zu weiter Pulli: ein bisschen zu groß, aber weich und warm. Irgendwann würde er ihr perfekt passen.
An einem dieser stillen Nachmittage klingelte es. Lennard trat ein, ein alter Freund der Familie, der für Gloria wie ein cooler Onkel war. Mit seinem freundlichen Gesicht, dem grauen Zopf und dem Lächeln, das jeden Raum wärmer machte, streifte er die Schuhe ab und schnupperte.
„Riecht nach … Nachdenken“, sagte er und zwinkerte. „Wo ist meine Lieblingskünstlerin?“
Gloria saß am Küchentisch und zeichnete Störtebekers Kogge. Lennard beugte sich über das Papier. „Weißt du, warum die Seefahrer keine Angst vor Stürmen hatten?“
Gloria schüttelte den Kopf.

„Sie haben auf ihr Bauchgefühl gehört“, sagte Lennard und tippte sich grinsend an den Bauch. „Hier drin. Nicht immer nur im Kopf. Wenn sich etwas hier richtig anfühlt, lohnt es sich, mutig zu sein.“
Gloria legte unwillkürlich eine Hand auf ihren Bauch, genau wie damals am Holstentor, als der alte steinerne Wächter sie zum ersten Mal mutig hatte fühlen lassen.
Irgendwo dort kribbelte es, und genau dieses Gefühl breitete sich jetzt wieder in ihr aus.
Seit Mama und Papa mehr arbeiten mussten, fühlte sie sich manchmal kleiner statt größer.
Vielleicht war dieses Kribbeln in ihrem Bauch genau das Zeichen, dass es Zeit war, mutig zu sein. Nicht nur in ihren Geschichten, sondern auch draußen in der echten Welt.
In den nächsten Tagen merkte Gloria, dass ihr Bauchkribbeln sie nicht nur mutig denken, sondern auch mutig handeln ließ.
Der erste große Schritt hieß: allein zur Schule gehen.
Zuerst brachte Papa sie nur noch bis zur großen Straße. „Ab hier kennst du jeden Pflasterstein“, sagte er, aber schon wenige Tage später legte er ihr die Hand auf die Schulter und sagte: „Heute gehst du den ganzen Weg alleine. Wir sind in Gedanken bei dir.“ Gloria atmete tief durch, zählte innerlich bis drei und ging los. An der großen Kreuzung blieb sie extra lange an der roten Ampel stehen und prüfte, ob wirklich alle Autos hielten.
Als sie am Nachmittag wieder zur Haustür hereinkam, fühlte sich der Weg ein Stück kürzer an, und sie selbst ein Stück größer.
In der „Koalaklasse“ von Frau Clausen wuchs zu der neuen Freiheit noch etwas anderes Tag für Tag ein wichtiger Punkt für Glorias Leben: Freundschaft.
Ben, der beim Nachdenken leise summte, saß zwei Plätze weiter vorn. In der ersten großen Pause teilten sie oft ihre Leckereien aus der Frühstücksbox.
„Magst du auch was?“, fragte er damals einfach so, als wäre es das Normalste der Welt.
Später, auf dem Ausflug zum Erdbeerhof, wurden sie dann ein richtig gutes Team. Den ganzen Tag über pflückten sie rote, süße Erdbeeren, bis die Finger klebrig waren und die T-Shirts Flecken hatten.
Auf der Rückfahrt merkte Gloria, wie ihr plötzlich flau im Magen wurde. Alles schwankte. „Mir ist schlecht“, murmelte sie.
Ben sah sie an, runzelte die Stirn und hob ruhig die Hand. „Entschuldigung, Mama? Gloria geht’s nicht gut.“
Die Mama von Ben bat Bens Papa kurz anzuhalten. Draußen atmete Gloria tief die kühle Luft ein, und es ging ihr nach kurzer Zeit schon wieder besser.

„Du bist die tapferste Erdbeerpflückerin der Welt“, flüsterte Ben, als sie wieder einstieg.
Gloria musste lachen. Die Peinlichkeit schrumpfte und wurde nur noch ein winziger Krümel in einem eigentlich schönen Tag.
Seit dem Erdbeerhof-Ausflug fühlte Gloria sich in der Klasse weniger unsichtbar. In den Pausen beobachtete sie oft die anderen Kinder.
Heute war es ein stilles Mädchen aus ihrer Klasse: Lynn. Sie war sehr groß für ihr Alter, ein bisschen rundlich, und stand oft am Rand des Schulhofs.
Gloria erinnerte sich an eine Sportstunde vor wenigen Tagen in der Schule. Beim Ballspielen stolperte Lynn, der Ball flog davon, und Lynn landete unsanft auf dem Boden. Ein paar Jungs kicherten, zeigten mit den Fingern auf Lynn und lachten sie aus.
„Haha, der Trampel!“
Gloria wurde heiß vor Wut. In ihrem Bauch kribbelte es … und diesmal nicht vor Angst, sondern wie ein kleiner Vulkan.
Sie dachte an Lennards Worte vom Bauchgefühl, trat einen Schritt nach vorn und sagte laut und klar: „Das ist nicht witzig. Lasst sie in Ruhe.“
Die Jungs schauten überrascht, murmelten etwas und gingen weg.
Lynn sah sie an, die Augen glänzend. „Danke“, nuschelte sie.
Von da an wurden Gloria und Lynn richtig gute Freunde, denn hinter der Schüchternheit von Lynn steckte ein riesiges Herz, und ein Humor, der strahlte, sobald er durfte.
Wenn Lynn lachte, lachte fast die ganze Klasse mit.
Je mehr Gloria sich von nun an in ihrem Leben traute, desto stärker wurde auch ein weiterer Wunsch: der Wunsch nach mehr Freiheit.
Seit Ben vom Handballtraining erzählt hatte, hörte sie immer wieder Papas Regel im Kopf: „Du kannst jeden Sport machen, den du möchtest! Aber erst, wenn du sicher Fahrrad fahren kannst.“
Also fuhr sie nachmittags mit Papa Runden im Viertel und auf den ruhigen Straßen, übte Anfahren, Bremsen und an Einfahrten kurz stehenzubleiben. Mit jedem Tag fühlten sich die Kreuzungen weniger gefährlich an, und Gloria merkte, wie die Welt jeden Tag ein kleines Stück größer für sie wurde.
Nur etwas ließ sie noch immer nicht los, das ihr fast täglich in der Schule aufgefallen war: Lynns sehnsüchtiger Blick auf die Fahrräder vor der Schule.
Ein paar Tage später sah sie wieder Lynn bei den Fahrrädern stehen.
„Ich trau mich nicht mehr“, gestand Lynn leise, als sie bemerkte, dass Gloria sie beobachtete. „Ich bin beim Fahrradfahren lernen einmal ganz schlimm hingefallen. Seitdem krieg ich weiche Knie, wenn ich nur ans Fahren denke.“
Gloria musste nicht lange überlegen. „Komm nachmittags zu mir in den Garten“, sagte sie. „Wir üben dort. Ich halte dich. Versprochen.“
Der BausL-Garten wurde zur ganz privaten Fahrschule. Gloria lief nebenher, wiederholte Papas Worte: „Locker bleiben. Du führst das Rad.“
Lynn fuhr zuerst wackelig, dann runder. Ihre Zöpfe hüpften bei jedem kleinen Ruck.
„Ich lass jetzt kurz los, ja?“, sagte Gloria irgendwann. „Nur ein paar Sekunden. Du schaffst das.“
Lynn nickte, die Lippen zusammengepresst.
Gloria ließ los.
In Lynns Kopf raste nur ein einziger Gedanke: Bitte, bitte nicht hinfallen. Einen Herzschlag lang zitterte alles, dann rollte das Rad weiter, fast ganz von allein.
„Ich kann fahren!“, rief Lynn und zischte über den Rasen. Ihre Zöpfe flatterten wie kleine Fahnen hinter ihr her.
Gloria jubelte, und in diesem Moment begriff sie, was groß sein wirklich heißt: nicht nur selbst etwas zu schaffen, sondern auch anderen dabei zu helfen!
Von da an fühlte sich ihre Freiheit nicht mehr wie ein Geheimnis nur für sie allein an. Sie fuhr mit Ben Comics holen, sie radelte mit Lynn zum besten Eisladen der Stadt, wo sie sich lachend durch die Sorten probierten. Und an manchen Tagen fuhr sie mit Mama mit dem Fahrrad zum Altenheim, wo sie half, Blumen auf den Fenstersimsen zu gießen oder die Zeitung vorzulesen.
Abends, als sie im Bett lag und der Regen leise gegen die Scheibe trommelte, dachte sie an Ben, der leise summte und in schwierigen Momenten ganz ruhig blieb, und sie dachte daran, was Papa über die vielen kleinen Krümel im großen Kuchen gesagt hatte.
Sie dachte an Lynn, deren Lachen ansteckend war und die mutig Fahrrad fahren lernte, obwohl sie panische Angst davor gehabt hatte.
All diese kleinen Krümel, der Schulweg, das Fahrrad, die neuen Freunde und das Helfen im Altenheim gehörten zusammen.
Morgen, in der ersten Pause, würden Ben und Lynn nebeneinander auf der Bank sitzen.
Gloria wusste schon genau, wie sie anfangen würde:
Sie würde tief Luft holen, auf ihr Bauchgefühl hören, und dann die beiden fragen:
„Habt ihr Lust, mit mir eine Fahrrad-Gang zu gründen? Wir könnten Leuten helfen und Abenteuer erleben.“
Der Gedanke fühlte sich an wie Rückenwind, und diesmal wehte der Wind der Veränderung nicht nur durchs Haus, sondern mitten durch Gloria selbst.
