Kapitel 1
Wie alles begann
Ganz oben in Deutschland, wo der Wind fast immer ein bisschen nach Salz und Abenteuer riecht, ist das Land flach wie ein Pfannkuchen. Der Himmel ist riesig und weit, und die Wolken segeln an ihm entlang wie große, weiße Schiffe auf einem blauen Meer. Ihre Schatten gleiten über die grünen Deiche und stillen Felder. Manchmal schicken sie einen kurzen, prasselnden Regenschauer herunter, der die Luft wäscht und alles frisch duften lässt. Aber gleich danach blinzelt die Sonne wieder hervor und taucht die Welt in ein besonderes, klares Licht, das die Farben leuchten lässt.
Und mitten in diesem schönen Land, umarmt von den Flüssen Trave und Wakenitz, liegt eine ganz besondere Stadt: Lübeck. Eine Stadt, die auf einer Insel gebaut wurde und deren rote Backsteinhäuser und sieben spitzen Kirchtürme aussehen, als wären sie aus einem Märchenbuch gefallen. In den engen Gassen riecht es nach Marzipan und geräuchertem Fisch, und das alte Kopfsteinpflaster erzählt von Tausenden von Schritten aus längst vergangenen Zeiten.
In dieser Stadt wohnt ein Mädchen, und dieses Mädchen heißt Gloria.
Gloria saß gerade mit ihrem Papa auf einer Bank im grünen Gras in der Nähe des alten, krummen Stadttores, das alle nur Holstentor nennen. Mit seinen zwei dicken Türmen und dem spitzen Dach in der Mitte sieht es ein bisschen so aus, als würde es jeden Moment müde zur Seite kippen. Aber es steht schon seit Hunderten von Jahren genau dort, stark und unerschütterlich, und passt auf die Stadt auf.

„Papa, warum ist das Tor so schief?“, fragte Gloria und knabberte an einem Marzipan-Taler, der süß auf ihrer Zunge schmolz. Ihr Papa lachte. „Weil es schon so alt ist, mein Schatz. Es hat schon so viel gesehen! Früher war Lübeck die Königin der Handelsstädte. Man nannte sie die ‚Königin der Hanse‘.“
„Hanse? Was ist das?“
„Stell dir vor“, begann ihr Papa, und seine Augen leuchteten, so wie immer, wenn er eine gute Geschichte erzählte, „vor langer, langer Zeit schlossen sich viele kluge Kaufleute aus verschiedenen Städten zusammen. Sie bauten die stärksten und bauchigsten Schiffe, die man damals kannte: die Koggen. Mit diesen Schiffen segelten sie wochenlang über die stürmische See, trotz hoher Wellen und heulendem Wind, bis nach Russland und Norwegen, um Handel zu treiben. Stell dir den Geruch von Teer und Salzwasser vor! Sie brachten kostbare Felle, duftende Gewürze wie Pfeffer und Zimt und feine, bunte Stoffe nach Lübeck.“
Gloria staunte. „So reich, dass sie sich ein ganzes Tor aus Marzipan hätten bauen können?“
Ihr Papa lachte. „Fast so reich. Und weil die Stadt so unheimlich reich war …“ „Wie bei den Piraten?“, flüsterte Gloria.
„Fast“, sagte ihr Papa mit einem Augenzwinkern. „Piraten gab es auch! Der berühmteste von allen war Klaus Störtebeker. Man sagt, er sei so stark gewesen, dass er einen riesigen Krug Bier in einem Zug austrinken konnte. Er überfiel die reichen Handelsschiffe, die man ‚Pfeffersäcke‘ nannte, und teilte seine Beute mit den Armen – so erzählen es die Legenden.“
Gloria schloss die Augen und stellte sich ein großes Holzschiff mit prall geblähten Segeln vor, das über die graugrünen Wellen jagte. Sie hörte das Knarren der Planken, das Rufen der Matrosen im Wind und spürte salzigen Sprühnebel auf der Haut.
Sie war so in Gedanken, dass sie gar nicht merkte, wie eine freche Möwe neben ihr landete, den Kopf schief legte und sie mit kleinen, wachsamen Augen anblinzelte. Neugierig pickte sie an Glorias Schuhspitze. Erst als die Möwe mit einem lauten Schrei wieder in den Himmel stieg, schreckte Gloria hoch. Typisch Gloria, deren Kopf immer so voller Geschichten und Träume war, dass für die Wirklichkeit manchmal kaum Platz blieb.
„Und das Tor hier“, fuhr ihr Papa fort und zeigte auf das Holstentor, „das war der Wächter der Stadt. Die Mauern waren dick, und die Tore schwer wie Eisen. Niemand, der Böses im Schilde führte, konnte rein.“
Gloria stand auf und ging zu dem alten Gemäuer. Sie legte die Hand auf die kühlen, rauen Steine und spürte die Geschichte, die in ihnen steckte. Sie konnte sich fast vorstellen, wie hier vor langer Zeit Wachen mit Hellebarden auf und ab gingen und in die Ferne spähten. Für die meisten Leute war es nur ein schönes altes Gebäude, ein tolles Fotomotiv. Aber für Gloria war es jetzt mehr als das. Ein starker Beschützer, der die Schätze und Geheimnisse Lübecks über Jahrhunderte bewacht hatte.
Aber Gloria und ihre Familie wohnten nicht mitten im Trubel der Altstadt. Ihr Zuhause lag am Rand von Lübeck, wo die Häuser Gärten haben und die Straßen ruhiger sind. Und ihre Familie war, nun ja, ein bisschen anders als die meisten anderen. Es war die Familie BausL.
Bei den BausLs wurden die Wände manchmal als riesige Tafel benutzt, auf die man mit Kreide die verrücktesten Erfindungen malen durfte. Es kam auch schon mal vor, dass es zum Abendessen Pfannkuchen mit Apfelmus gab, einfach weil alle Lust darauf hatten. Ihr Garten war kein ordentlich gemähter Rasen, sondern eine wilde Wiese für Bienen und Schmetterlinge, mit einem selbstgebauten Baumhaus darin.
Sie waren oft lauter und lachten mehr als andere. Und wenn die meisten Leute sagten: „Das macht man so“, dann fragte bei den BausLs immer jemand: „Aber warum eigentlich? Geht das nicht auch anders, vielleicht sogar besser?“ Sie hatten oft eine eigene Meinung, aber sie hielten fest zusammen, wie die stärksten Klebstoffstreifen der Welt. Manche Leute schüttelten darüber den Kopf, doch in den Wänden des BausL-Hauses steckte so viel Lachen, dass es für drei Familien gereicht hätte. Und das war alles, was für sie zählte.

Als Gloria an diesem Nachmittag nach Hause kam, strömte ihr schon im Flur der warme Duft von Zimt und Zucker entgegen. In der Küche tanzte ihre Mama zu fröhlicher Swingmusik aus dem Radio und balancierte einen Teller mit einem Turm aus frisch gebackenen, herzförmigen Waffeln. Die beiden Katzen, Pepper und Celline, jagten sich mal wieder gegenseitig, purzelten über ein Sofakissen und landeten in einem weichen Fellknäuel. Und in einem kleinen Terrarium auf der Fensterbank saß Lukas, die Springspinne, und putzte sich seelenruhig seine vielen Beinchen, als wäre er der König der Welt. Gloria lachte, warf ihre Schultasche in die Ecke und schnappte sich die erste Waffel vom Turm, bevor er einstürzte. Das war ihr Zuhause … ein wundervolles, perfektes Chaos.

Später am Abend saß Gloria in ihrem Zimmer am Fenster. Ihr Fahrrad lehnte an der Hauswand unter ihr, die Kette frisch geölt und die Reifen prall gefüllt, bereit für neue Touren. Es war ihre eigene kleine Kogge, mit der sie die Meere der Lübecker Straßen erobern konnte. Sie dachte an die Geschichten von den mutigen Seeleuten der Hanse und an das starke Holstentor, das eine ganze Stadt beschützt hatte. Helfen und beschützen, dachte sie. Das war eine wirklich gute Sache.
Sie blickte hinaus auf die Straße, die im warmen, sanften Licht der Laternen lag. Sie wusste noch nicht, welche
Abenteuer direkt vor ihrer Haustür auf sie warteten, aber sie wusste, dass es sehr bald losgehen würde. Und sie ahnte, dass man die größten Abenteuer nicht alleine bestehen kann. Dafür brauchte man zuverlässige Freunde.
Und sie wusste ganz sicher: Es war an der Zeit, ihre eigene Fahrrad-Gang zu gründen.
