Kapitel 5
Ein schmaler Gang
Nach der Probe bat Gloria Frau Clausen um ein paar Minuten. Die meisten Kinder plauderten schon durcheinander, einige übten noch leise ihre Sätze, andere schoben Stühle hin und her.
„Wir möchten noch etwas weiter suchen“, sagte sie und trat einen halben Schritt näher an die Lehrerin heran. „Nur hier im Haus. Zusammen.“ Dabei sah sie kurz zu Ben, Lynn und Filiz, die hinter ihr warteten.
Frau Clausen sah müde aus, aber sie nickte. Unter ihren Augen lagen kleine Schatten, und sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Solange ihr mit Herrn Reimers geht und seine Anweisungen befolgt, ist das okay“, sagte sie. „Ich schreibe nur schnell noch eine Mail ins Sekretariat. Ich möchte nicht, dass jemand denkt, ihr seid einfach verschwunden. Und ihr versprecht mir, vorsichtig zu sein.“
„Versprochen“, sagte Gloria. Ihr Bauch kribbelte wieder. Diesmal nicht vor Bühnenaufregung, sondern wegen des unausgesprochenen Falles.
Herr Reimers schloss sich ihnen an, nicht ganz überzeugt, aber neugierig, was „die Fahrrad-Truppe“ noch sehen wollte. Er verschränkte kurz die Arme, lockerte sie dann wieder.
„Gibt es irgendwo im Speicher einen Platz, an dem Sachen landen, die der Wind verschiebt?“, fragte Gloria. „Oder Dinge, die man ‚mal kurz‘ abgestellt hat und dann vergisst?“
Reimers überlegte. Man konnte fast sehen, wie er innerlich eine Karte des Gebäudes abging. „Hm. Der Wartungsgang unter der Holztreppe“, sagte er schließlich. „Da rutscht manchmal was rein, wenn Leute nicht aufpassen. Eigentlich nur Putzzeug und verlorene Bälle von Führungen.“
„Können wir einen Blick hineinwerfen?“, fragte Ben. Sein Notizbuch hatte er schon wieder in der Hand, als wäre es mit ihm verwachsen.
„Nur, wenn ihr euch hinter mir haltet“, sagte Reimers. „Und keine Alleingänge. Wenn ich ‚Stopp‘ sage, bleibt ihr stehen. Egal, was ist.“
„Kriegen wir hin“, sagte Filiz leise. „Wir sind geübte Gang-Profis.“
Sie gingen einen anderen Flur entlang, der Boden knarrte bei jedem Schritt. Die Wände waren aus hellem Putz, hier und da hingen alte Fotos von Lübeck und den Speichern. Am Ende führte eine breite Holztreppe nach oben. Darunter war eine niedrige Tür mit einem Vorhängeschloss.
„Hier“, sagte Reimers. „Wartungsgang. Klein, dunkel, staubig. Das ist kein Ort zum Rennen oder Springen.“
Er öffnete die Tür. Ein kühler Luftzug kam ihnen entgegen, und der Geruch von Staub und altem Holz wurde stärker, als hätte jemand eine unsichtbare Truhe voller vergangener Jahre geöffnet.
„Ich leuchte vor“, sagte Reimers und schaltete seine Taschenlampe an. Der schmale Gang dahinter war kaum höher als er selbst, die Decke hing tief, und der Boden bestand aus unebenen Brettern. Staubpartikel tanzten im Lichtkegel wie winzige Schneeflocken, und einen Moment lang musste Filiz daran denken, wie sie im Winter gerne echte Flocken mit der Zunge fangen würde.
Ganz hinten, im Lichtkegel, war etwas Eckiges zu sehen.
„Ist das …?“, flüsterte Lynn. Ihre Stimme klang auf einmal noch viel leiser in dem engen Gang.
„Das sieht nach einer Kiste aus“, sagte Ben, diesmal nicht ganz so laut wie sonst. In seinen Augen tauchte etwas auf, das immer dann erschien, wenn ein Fall sich der Lösung näherte.
Der Gang war so eng, dass sie hintereinander gehen mussten. Reimers vorne mit der Lampe, dann Gloria, Ben, Lynn und Filiz. Der Staub wirbelte unter ihren Schuhen wie eine dünne Wolke auf und kitzelte in der Nase. Gloria musste einmal kurz niesen und hielt sich schnell die Hand vor den Mund.
„Nicht an die Balken stoßen“, murmelte Reimers. „Man kann sich hier leicht den Kopf anhauen.“
Je näher sie dem Objekt kamen, desto deutlicher erkannten sie es: eine Holzkiste mit abgenutzten Kanten, an denen das Holz ein wenig ausfranste. Auf einer Seite war ein Strich mit schwarzem Edding, genau so hatten sie ihre Requisitenkiste markiert, damit niemand sie mit anderen Kisten verwechselte.
„Das ist sie“, sagte Gloria leise. „Ich erkenne den Strich. Und da, der kleine Fleck von der Farbe, die wir beim Basteln verschüttet haben.“
„Wie ist die denn hier gelandet?“, murmelte Reimers. „Die Tür war doch zu. Eigentlich.“ Man hörte, wie ihn dieser Gedanke mehr ärgerte als alles andere.
„Vielleicht stand sie kurz offen, als Sie irgendetwas anderes geholt haben“, überlegte Ben. „Oder jemand hat die Kiste auf dem Weg nach draußen abgestellt, dann ist die Tür aufgegangen und der Wind hat sie bis hierher geschoben. Oder sie ist beim Schieben ein Stück reingerollt.“
„Vielleicht hat jemand den Wagen mit der Kiste in den Gang gerollt, um sie aus dem Weg zu räumen, und vergessen, sie wieder mitzunehmen“, ergänzte Lynn. „So wie meine Mutter manchmal Sachen auf die Treppe stellt, damit sie jemand mit nach oben nimmt, und dann gehen alle daran vorbei.“
Filiz kniete sich hin und wischte vorsichtig mit der Hand über den Boden. „Hier sind Schleifspuren“, sagte sie. „Nicht nur vom Rollen, sondern auch vom Schieben. Siehst du, hier ist der Staub dichter, und da ist er weggedrückt. Irgendwann ist der Wagen wahrscheinlich stecken geblieben. Und dann hat jemand die Kiste einfach runtergehoben und … tja … vergessen.“
„Vergessene Dinge sind die Spezialität alter Gebäude“, murmelte Ben und schrieb „Schleifspuren + vergessen“ als Merksatz in sein Heft.
Reimers seufzte. „Kann sein, dass ich das war“, gab er ungern zu. „Gestern Abend war viel los, Stühle, Kabel, alles auf einmal. Ich hab die Kiste wahrscheinlich kurz im Gang abgesetzt, um die Hände frei zu haben. Und dann …“
„… hat der Rest des Tages sie verschluckt“, beendete Gloria den Satz. „Wie eine Zeile, die man beim Lesen überspringt.“
„Oder wie eine Kiste, die im Wartungsgang hängen bleibt“, ergänzte Filiz.
Reimers presste die Lippen zusammen und nickte. „Ich dachte, ich hätte alles wieder an Ort und Stelle gebracht“, murmelte er. „Aber offenbar habe ich einen Fehler gemacht.“
„Wichtig ist, dass wir sie wiederhaben“, sagte Ben. „Fehler passieren. Hauptsache, wir finden sie rechtzeitig vor der Aufführung.“
„Und dass niemand darüber gestolpert ist“, fügte Lynn hinzu und sah in den schmalen Gang zurück.
Gemeinsam zogen sie die Kiste Stück für Stück aus dem schmalen Gang heraus. Glorias Arme begannen zu brennen, und ihre Schuhe rutschten einmal fast auf dem glatten Holz. Sie war schwer, aber nicht untragbar. Bei jedem Ruck knarrten die Bretter leise, und einmal rutschte Reimers fast aus, fing sich aber wieder.
„Stopp, kurz verschnaufen“, keuchte er und setzte die Kiste auf einem Balkenabsatz ab.
Gloria spürte das Holz unter ihren Fingern. Es fühlte sich kalt und rau an. In ihrem Kopf tauchte kurz das Bild des leeren Kistenplatzes vom Morgen auf und wie anders dieselbe Ecke jetzt aussehen würde.
Als sie endlich wieder im helleren Flur standen, setzten sie die Kiste ab und schnauften alle gleichzeitig. Das Licht aus dem kleinen Fenster fiel direkt auf den Deckel, als würde es die Kiste begrüßen.
„Da ist sie ja“, sagte Filiz und strich mit der Hand liebevoll über den Rand, als wäre die Kiste ein Haustier, das nach einem Ausflug wieder aufgetaucht war.
Gloria klappte den Deckel hoch. Die Scharniere quietschten leise. Die Papierkrone lag obenauf, ein wenig eingedellt, daneben der Wimpel, das Schiff und die Lampions. Alles war da. Ein paar Glitzerreste hatten sich am Boden gesammelt.
„Nur ein bisschen Schaden in der Ehre“, sagte Filiz und formte die Krone vorsichtig wieder zurecht. „Sieht doch fast aus wie neu.“
„Und ein paar zusätzliche Staubschichten“, meinte Lynn und pustete auf eine Lampionkante. Eine kleine Staubwolke stieg auf und ließ sie niesen.
„Wir sagen Frau Clausen, dass wir sie gefunden haben“, beschloss Gloria. „Und wir sagen ihr nicht als Erstes, wer sie wahrscheinlich hierher gestellt hat“, fügte sie mit einem Blick auf Reimers hinzu. In ihrer Stimme lag kein Vorwurf, eher ein kleines, mitfühlendes Lächeln.
„Doch“, korrigierte Reimers nach einem kurzen Zögern. „Das mach ich schon. Wenn jemand einen Fehler macht, soll er ihn selbst beichten. Ihr dürft aber gerne erzählen, wie ihr sie gefunden habt. Vielleicht lernen wir alle etwas daraus. Zum Beispiel, dass man Kisten nicht einfach irgendwo abstellt.“
„Und dass wir ab jetzt nicht nur Fälle draußen auf der Straße haben“, meinte Ben. „Sondern auch hinter Bühnen und unter Treppen.“
Gloria spürte, wie das Kribbeln in ihrem Bauch sich in etwas Warmes verwandelte. Kein Verbrechen, sondern eine Kette aus Hektik, Aufräumen und Sorge, die zu einem Rätsel geworden war, und das sie gemeinsam gelöst hatten.
„Fall 003 ist damit aber noch nicht ganz abgeschlossen“, sagte Ben, als sie sich wieder Richtung Probenraum aufmachten. „Wir brauchen noch eine richtige Zusammenfassung. Mit Kistenspur, Staub und Wartungsgang.“
„Und mit Reimers, der sich traut, den Fehler zuzugeben“, ergänzte Gloria leise.
Lynn nickte. „Das gehört auch in ein gutes Protokoll.“
Als sie die Tür zum Probenraum öffneten, fiel der Lärm von Stimmen und Stuhlbeinen wie eine Welle auf sie. Die Kiste zwischen ihnen fühlte sich plötzlich nicht mehr schwer an, sondern wie ein Schatz, den sie zurückgebracht hatten.
Gloria war sich sicher: Wenn sie später im Gang-HQ saßen, würde dieser Fall einen besonderen Platz in Bens Notizbuch bekommen, irgendwo zwischen verschwundenen Katzen und verlorenen Backstuben-Rezepten.
Kapitel 6
Die Aufführung in den Speichern
Zwei Tage später war Schulfest. Vor den Salzspeichern standen Eltern, Geschwister, ein paar Bewohner aus dem Altenheim und sogar Bäcker Hansen, der einen großen Karton mit Törtchenschachteln trug. Einige Kinder hielten bunte Papierpläne in der Hand, auf denen stand, welche Klasse zu welcher Zeit etwas aufführte. Ein Junge starrte so nervös auf seinen Plan, dass er sich dreimal in der Zeile vertat und dann kichernd von vorne begann.
Die Sonne sank langsam über der Trave, und das Licht fiel schräg durch die Fenster. Auf dem Wasser zogen goldene Streifen entlang, und Möwen kreisten rufend über den Dächern. Im Probenraum war die Luft voller Stimmen, Lampenwärme und Nervosität. Jemand probte noch schnell eine Textzeile, jemand anders versuchte, ein verrutschtes Kostüm zu richten.
„Alle auf Position“, rief Frau Clausen und klatschte in die Hände. Man hörte, dass sie genauso aufgeregt war wie die Kinder, aber sie lächelte dabei. „Denkt dran: Ihr erzählt heute die Geschichte unserer Stadt, nicht nur Text aufsagen.“
Hinter dem Vorhang standen die vier Gang-Mitglieder nebeneinander. Durch einen schmalen Spalt konnten sie die ersten Reihen des Publikums sehen.
„Ohne die Kiste gäbe es heute keinen Stern, keine Krone und keinen Wimpel“, flüsterte Lynn und rückte an ihrem Kostüm, das plötzlich an den Schultern kratzte.
„Und ohne Reimers wäre die Kiste vielleicht immer noch im Gang“, murmelte Ben. „Er hat uns immerhin den Weg gezeigt. Also halb.“
„Und ohne uns würde keiner wissen, wie sie dort gelandet ist“, sagte Filiz. „Dann wäre das hier heute vielleicht nur ein ‚Die-Stühle-stehen-schon-mal-da‘-Fest.“
Gloria legte die Hand kurz auf ihren Bauch, ihren Bauchkompass, wie sie ihn insgeheim nannte. Es war ein gutes, gespanntes Kribbeln. Nicht nur wegen des Publikums, sondern auch, weil sie wussten, was hinter den Kulissen alles passiert war. Ihr Bauchgefühl fühlte sich diesmal nicht warnend an, sondern stolz und wach.
„Ich hab mehr Angst vor meinem Text als vor einem Fall“, flüsterte sie und musste über sich selbst lachen.
„Texte können auch plötzlich verschwinden“, sagte Ben. „Aus dem Kopf.“
„Dann holen wir sie zurück“, meinte Filiz. „Wie die Kiste.“
Gloria schluckte, jetzt begann die Aufführung. Das Licht im Saal wurde gedimmt, und die Scheinwerfer auf der kleinen Bühne gingen an. Von draußen drang nur noch ein gedämpftes Murmeln durch die dicken Wände.
Die Aufführung lief fast fehlerlos: Nur einmal musste ein Kind einen Satz noch einmal neu anfangen, aber das Publikum merkte es kaum. Der Stern glitzerte im Scheinwerferlicht, der Wimpel wehte leicht, wenn jemand daran vorbeiging, und das Schiff rollte auf kleinen Rädern über die Bühne. Einmal hakte das Schiff kurz an einer Teppichkante, aber Filiz gab ihm unauffällig mit dem Fuß einen kleinen Schubs.
In der Szene, in der Gloria als Mädchen ihren Wunsch an den Stern richtete, stand sie in der Mitte der Bühne. Das Licht war warm, und rund um sie herum war es etwas dunkler. Sie atmete tief ein, so wie Frau Clausen es gesagt hatte.
„Ich wünsche mir“, sagte sie klar und deutlich, „dass unsere Stadt ihre Geschichten nicht vergisst. Nicht die alten und nicht die, die wir heute erleben.“ Für einen Moment dachte sie an Muffin, an die Backstube und an das Holstentor, all die Geschichten, die sie selbst schon erlebt hatten.
Während sie sprach, sah sie kurz in die erste Reihe. Dort saßen Mama BausL, Papa, Herr Schmidt und Frau Petersen aus dem Altenheim, Bäcker Hansen und sogar Herr Reimers, der sich verlegen am Hemdkragen kratzte. Mama hob leicht die Hand, Papa nickte ihr zu. Herr Schmidt hatte die Hände auf seinem Spazierstock gefaltet und lächelte.
In einer der hinteren Reihen saßen noch mehr Bewohner aus dem Altenheim, dicht nebeneinander. Manche hatten kleine Decken über den Knien, andere hielten Programmzettel. Gloria stellte sich vor, wie ihre Geschichten mit den Geschichten aus dem Stück durcheinanderwirbelten.
Am Ende gab es Applaus, der in den alten Wänden der Speicher nachhallte. Der Stern schaukelte noch, als sich die Kinder verbeugten. Ein paar Kinder hatten rote Wangen vor Aufregung, einer der Jungen verbeugte sich so tief, dass ihm fast der Hut vom Kopf rutschte.
„Ihr wart großartig“, sagte Frau Clausen hinter der Bühne, als der Vorhang wieder zu war. Sie sah erleichtert aus. „Und ohne euch vier hätte ich jetzt wahrscheinlich nur ein halbes Bühnenbild.“
„Wir hatten ein bisschen Übung“, sagte Gloria. „Mit Dingen, die verschwinden.“
„Ach ja.“ Frau Clausen lächelte. „Eure Backstuben-Geschichte hab ich auch gehört. Ihr scheint eine Spezialität für verlorene Sachen zu entwickeln.“
„Vielleicht sollten wir ein Schild drucken“, schlug Filiz vor. „‚Gefunden von der Fahrrad-Gang.‘“
„Spezialpreis für wieder aufgetauchte Dinge“, ergänzte Ben.
Später, im Laub-HQ im BausL-Garten, roch es nach Gras, Holz und einer leichten Zuckerwolke von den Törtchenresten, die sie mitgebracht hatten. Die Sonne war schon tiefer gewandert, und durch die Blätter fiel ein grünes, flimmerndes Licht. Eine der Katzen strich kurz um Glorias Beine und sprang dann auf einen Ast.
Ben hatte sein Notizbuch auf die Knie gelegt. Vor ihm lagen ein paar Krümel und ein halb aufgegessener Törtchenboden.
„Fall 003: Die verschwundene Theaterkiste“, las er vor. „Zusammenfassung: Kiste steht am Seiteneingang, verschwindet über Nacht. Verdacht auf Diebstahl oder fremde Nutzung. Spuren im Staub führen zu einer Sackgasse, dann zum Wartungsgang unter der Treppe. Ursache: Hektik, offene Tür, vergessener Zwischenstopp. Keine böse Absicht.“
Er schrieb darunter: „Merksatz: Manchmal verschlucken alte Häuser Dinge, aber sie spucken sie wieder aus, wenn man richtig fragt.“ Er setzte ein kleines Sternchen daneben, als wollte er sich merken, dass dieser Satz vielleicht später noch einmal wichtig werden könnte.
„Gefällt mir“, sagte Lynn. „Und wer hat geholfen?“
„Alle“, sagte Gloria. „Reimers mit seinen Plänen, Frau Clausen mit ihrer Geduld, wir mit unseren Fragen. Und ein bisschen der Wind.“
„Und der Staub“, warf Filiz ein. „Ohne Staub hätten wir gar nichts gesehen.“
„Stimmt“, sagte Ben. „Staub ist wie sichtbare Zeit. Man sieht, wo sie langgelaufen ist.“
Ben zeichnete eine kleine Spirale an den Rand.
Dann blätterte er ganz nach hinten. „Und hier“, sagte er, „haben wir noch etwas, das nichts mit der Kiste zu tun hat.“
Auf der Seite stand nur wenig: eine Skizze vom Rathausabschnitt, ein paar Punkte an der Fassade, und daneben eine Zahl, die nur sie kannten.
„Stadträtsel 1: Kinderzeichen am Rathaus“, las Lynn.
„Die Zahl oben an der Rathauswand ist wie ein kleiner Schlüssel für ein Rätsel“, meinte Gloria. „Wer sie kennt, kann etwas über Lübeck herausfinden.“
„Und wenn da eine Eins steht, gibt es bestimmt irgendwann auch ein Stadträtsel 2“, murmelte Ben zufrieden.
„Warum schreibst du das in dasselbe Heft wie unsere Fälle?“, fragte Filiz und zupfte an einem Blatt, das ein bisschen herausragte.
Ben zuckte mit den Schultern. „Weil es zusammengehört. Die Stadt ist sozusagen unser größter Fall. Vielleicht brauchen wir das irgendwann. Vielleicht auch nicht. Aber es fühlt sich richtig an, es hier zu sammeln. Zwischen all den anderen Krümeln.“
Gloria sah auf die Seite. Die Zeichnung sah unscheinbar aus … ein paar Punkte, eine Zahl, ein Wort. Und doch kribbelte ihr Bauch ein bisschen, so wie bei einem Rätsel, dessen Frage man noch nicht kennt.
„Vielleicht“, sagte sie langsam, „ist das wie bei der Kiste: Man merkt erst später, warum ein bestimmter Krümel wichtig war.“
„Genau“, nickte Ben. „Deshalb vergesse ich ungern Krümel. Die gehören alle zu einem großen Kuchen.“
„Dann ist die Stadt der Kuchen“, überlegte Filiz. „Und wir sind … die Krümel-Sammler.“
„Oder die Stück-Tester“, schlug Lynn vor. „Wir probieren aus, ob sich alles gut zusammenfügt.“
Sie schoben die Hände zusammen, wie sie es immer taten.
„1“, sagte Gloria.
„2“, sagte Ben.
„3“, sagte Lynn.
„Peng!“, rief Filiz, und ihr Lachen blieb einen Moment im Blätterdach hängen.
Draußen über Lübeck gingen nach und nach die Lichter in den Fenstern an. Im Altenheim stellte jemand eine Vase mit frischen Blumen aufs Fensterbrett, in der Bäckerei Hansen wurden Bleche für den nächsten Morgen vorbereitet, und in einem Rathausfenster spiegelte sich der Mond in der alten Backsteinfassade, genau dort, wo am Vormittag Kinder Löcher gezählt hatten.
Fall 003 war gelöst.
Irgendwo zwischen Rathaus und Salzspeichern spannte sich bereits ein leiser Faden in ein größeres Rätsel, das noch niemand ganz verstand. Und Gloria war sich sicher, dass ihr Bauchgefühl sie auch dann wieder rechtzeitig kribbelnd warnen würde, wenn dieser Faden plötzlich wichtig wurde.
– E N D E –

