Kapitel 4
Erste Fragen und ein alter Speicher
Frau Clausen beschloss, zuerst nach dem Naheliegendsten zu fragen, auch wenn sie sich innerlich ein wenig gestresst und besorgt fühlte. Sie schickte die Klasse in den Probenraum, damit niemand wild durch die Flure rannte, und ging mit Gloria und Ben zum Büro des Hausmeisters der Speicher. Auf dem Weg dorthin knarrte der Holzfußboden unter ihren Schritten, und aus einem der oberen Räume drang leise Musik.
Der Hausmeister hieß Herr Reimers. Er war klein, hatte aber Schultern wie ein Schrank und Hände, die aussahen, als könnten sie jeden Balken im Speicher selbst tragen. Sein graues Haar stand ein wenig wirr ab, als hätte er eben noch unter einer Bühne Kabel verlegt. Auf seinem Schreibtisch lagen Pläne und Schlüssel, daneben stand eine Tasse mit längst kaltem Kaffee, auf dem ein dünner, grauer Rand schwamm.
„Die Theaterkiste ist weg?“, wiederholte er langsam, als Frau Clausen es erklärte. Er zog die Stirn kraus und stellte die Kaffeetasse beiseite. „Ich hab sie nicht angerührt. Ich hab nur gestern Abend die Seitentür kontrolliert. Hier zieht es manchmal wie Hechtsuppe.“
„Die war doch abgeschlossen, oder?“, fragte Gloria. In ihrem Bauch zog es leicht. Wenn Türen nicht richtig zu waren, konnten viele Dinge passieren, das wusste sie aus ihren Fällen.
„Ich hab sie zugezogen, ja“, sagte Reimers. „Aber wenn die Falle nicht richtig einrastet und der Wind ungünstig steht, schiebt es die Tür manchmal ein Stück auf. Diese alten Gebäude atmen, mit jedem Windstoß.“ Er klopfte dabei mit den Knöcheln auf die Fensterbank, als wollte er dem Salzspeicher zuhören.
Ben blätterte auf eine leere Seite in seinem Heft und schrieb: „Seitentür, Wind, rollende Kiste (?). Gebäude atmen.“ Er setzte ein kleines Fragezeichen in Klammern dahinter.
„Gibt es hier noch andere Gruppen, die den Raum nutzen?“, fragte Frau Clausen. „Vielleicht hat jemand gedacht, die Kiste steht nur im Weg.“
„Morgens manchmal eine Erwachsenentheater-Truppe in Speicher vier“, zählte Reimers auf und zeigte mit dem Finger auf einen Plan an der Wand. „Und am Wochenende ein Chor. Manchmal auch Führungen, aber die gehen normalerweise nicht durch euren Seiteneingang. Und niemand hat mir gesagt, dass er sich eure Requisiten leihen will.“
„Dann wäre das eher ein Missverständnis als Leihen“, murmelte Ben. Gloria dachte an Muffin und das verschwundene Backstuben-Rezept, beides waren am Ende auch nur große Missverständnisse gewesen.
Ihr fiel die Reifenspur im Staub wieder ein. „Haben Sie hier drinnen Handwagen oder Rollbretter?“, fragte sie. „Die, mit denen man schwere Sachen schiebt?“
„Klar“, sagte Reimers. „Wenn ich Stühle verlagere oder Technik rüberschaffe, benutze ich die. Und draußen gibt’s auch einen kleinen Handwagen für Kisten. Ohne Rollen kriegt man hier kaum was bewegt.“
„Wenn die Kiste auf einen Wagen gestellt wurde und die Tür einen Spalt offen war …“, murmelte Ben, „… könnte der Wind sie ein Stück in den Gang geschoben haben.“ Er schrieb „Wagen + Wind?“ neben seine Notiz.
„Oder jemand hat sie bewusst an einen anderen Ort gebracht“, ergänzte Gloria. „Damit sie nicht im Weg steht. Oder… aus einem anderen Grund.“ Sie dachte an zu Hause, wo etwas „nur kurz“ nur kurz wo anders abgelegt wurde, und dann tagelang niemand mehr wusste, wo es geblieben war.
Reimers kratzte sich am Kopf. „Ich kann euch die Gänge zeigen“, sagte er. „Aber nur, wenn ihr zusammenbleibt und nichts anfasst. Hier gibt’s Ecken, die sind nichts für flinke Kinderfüße.“ Seine Stimme wurde dabei ernst.
„Wir fassen nichts an“, versprach Gloria schnell. Ihr Bauch fühlte sich an wie eine gespannte Saite: vorsichtig, aber bereit. Sie liebte dieses Gefühl. Es war das gleiche Kribbeln wie am Anfang eines Falls, der noch keine richtige Überschrift hatte.
Sie gingen zurück zum Seiteneingang. Der Flur war schummrig, das Licht fiel nur durch wenige kleine Fenster. Reimers öffnete die Tür ganz und zeigte auf den Boden.
„Das hier ist euer berühmter Staub“, sagte er und deutete auf die hellgraue Schicht. „Wenn etwas Schweres darüberrollt, sieht man die Spur deutlicher. Wenn viele Leute drüberlaufen, wird alles durcheinandergewischt.“
Ben ließ den Blick die Linie entlangwandern. Sie führte vom leeren Kistenplatz weg, in den Gang hinein, dann machte sie in der Ferne einen leichten Bogen. An manchen Stellen war sie unterbrochen, als wären dort Schuhabdrücke dazwischen getreten.
„Die Spur geht nach rechts“, stellte er fest. „Zumindest hier am Anfang.“
„Rechts geht es zu einem Lagerraum“, erklärte Reimers. „Links zum großen Speicherraum. Kommt, wir fangen rechts an. Links laufen zu viele durch, da sieht man kaum noch was.“
Im Lagerraum stapelten sich Stühle, Kartons, Leinwände und alte Bühnenbilder, so dicht, dass man fast seitlich hindurchschlüpfen musste. Der Raum roch nach Staub, Holz und ein bisschen nach altem Stoff. Über ihnen summte eine Neonröhre, die leicht flackerte.
Sie suchten sorgfältig, aber ohne etwas umzustoßen. Gloria ging langsam an den Stapeln vorbei und spähte in jede Lücke. Filiz tastete mit dem Blick die unteren Regalreihen ab, als könnte sie die Kiste dort irgendwo entdecken. Ben blieb lieber in der Mitte des Raumes und versuchte, sich die Wege vorzustellen, die man mit einem Rollwagen nehmen würde.
Keine Theaterkiste. Nur alte Umzugskartons, eine kaputte Lampe, ein großes graues Tuch und ein hölzernes Schild von einer vergangenen Ausstellung.
„Wenn die Spur hier endet …“, begann Ben nach einer Weile.
„… heißt das nicht unbedingt, dass die Kiste hier ist“, beendete Gloria den Satz. „Vielleicht ist sie auf einem anderen Weg weitergerollt. Oder jemand hat den Wagen hier nur kurz abgestellt und dann wieder mit etwas anderem weitergeschoben.“
Reimers nickte langsam. „Könnte ich gewesen sein“, sagte er schließlich, ein bisschen widerwillig. „Ich hab heute Morgen einen Rollwagen mit Stühlen hier vorbeigeschoben. Vielleicht habt ihr die Spur davon.“
Ben seufzte. „Dann ist das keine eindeutige Kistenspur. Nur ein Spuren-Salat.“
Gloria sah noch einmal zurück in den Gang. In ihrem Kopf sortierte sie unsichtbar Möglichkeiten: Wind, offener Spalt, Hausmeister mit Stühlen, andere Gruppen. Es fühlte sich noch nicht nach einem klaren Bild an, eher wie ein Puzzle, von dem die Ecken fehlten.
„Wir könnten noch kurz in den großen Speicherraum schauen“, schlug sie vor. „Nur vom Eingang aus. Vielleicht steht die Kiste dort direkt hinter der Tür.“
Reimers zögerte, sah dann aber auf die Uhr an der Wand. „Ganz kurz“, sagte er. „Die Probe darf nicht zu lange warten.“
Sie gingen den Gang ein Stück zurück, diesmal nach links. Hinter einer schweren Tür öffnete sich der große Speicherraum: ein weiter, hoher Saal mit langen Reihen von Stühlen, einer Bühne am Ende und dunklen Holzbalken über ihnen. In einer Ecke lag zusammengerolltes Kabel, in einer anderen ein Stapel Holzkisten.
„Seht ihr irgendetwas, das nach eurer Kiste aussieht?“, fragte Reimers.
Gloria schüttelte den Kopf. „Unsere hatte einen schwarzen Strich an der Seite“, erinnerte sie sich. „Und den sehe ich hier nirgends.“
Filiz beugte sich ein Stück vor. „Die da hinten sind alle viel größer“, stellte sie fest. „Und die da vorne sind offen. Unsere war zu.“
„Dann können wir den großen Saal erst einmal streichen“, sagte Ben und machte ein kleines Kreuz in seinem Heft neben „Speicherraum links“. „Keine Spur, kein Strich, keine Kiste.“
Sie gingen zurück Richtung Probenraum. Im Flur war es still, nur irgendwo klapperte kurz eine Tür.
„Erster Hinweis: verwischt“, sagte Filiz später, als sie wieder im Probenraum standen und den anderen von ihrer Suche berichteten. Ben nickte und schrieb den Satz wie eine Überschrift in sein Notizbuch. „Der Staub war keine große Hilfe.“
„Eher ein Hinweis auf zu viele Füße“, meinte Ben. „Und auf Stühle mit Rädern.“
Die Klasse setzte sich langsam wieder. Einige Kinder tuschelten über die verschwundene Kiste, andere blätterten nervös in ihren Textheften, weil sie ohne Requisiten nicht wussten, wohin sie ihre Hände tun sollten.
Frau Clausen sah auf ihre Uhr. „Wir können heute nicht mehr viel suchen“, sagte sie und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Wir proben erst einmal die Szenen ohne Requisiten. Ab morgen müssen wir aber eine Lösung haben. Sonst fehlen uns Stern, Krone und Wimpel.“
„Und das Schiff“, flüsterte Filiz entschlossen.
Gloria spürte ein Ziehen im Bauch. Sie hasste es, Dinge offen zu lassen. Vor allem, wenn es um etwas ging, auf das so viele Leute warteten. Nicht nur die Klasse, sondern auch die Bewohner aus dem Altenheim und alle, die zum Schulfest kommen würden.
„Nach der Probe suchen wir weiter“, flüsterte sie den anderen zu. „Mit oder ohne offizielle Erlaubnis.“
„Mit“, korrigierte Ben. „Immer mit. Sonst wird das ein ganz anderer Fall.“
Gloria nickte. In ihrem Kopf formte sich der Plan, nach der Probe noch einmal mit Frau Clausen zu sprechen. Vielleicht würde sie auch noch Herrn Reimers bitten, ihnen die restlichen Ecken zu zeigen. Der Fall fühlte sich noch längst nicht zu Ende gedacht an.
Draußen pfiff der Wind um die alten Mauern des Speichers, als würde das Gebäude leise atmen und zustimmen, dass es in seinen Gängen noch etwas zu entdecken gab.

