Kapitel 3
Die verschwundene Theaterkiste
Als sie wieder am Seiteneingang des Speichers ankamen, war Gloria guter Dinge. In ihrem Kopf mischten sich die Löcher im Rathaus mit Sternen, Schiffen und der Vorstellung vom Schulfest, und sie fühlte sich gleichzeitig stolz und ein bisschen angespannt. Sie sah schon fast, wie sie am nächsten Tag mit Krone und Wimpel über die Bühne laufen würde. In Gedanken stellte sie sich vor, wie Mama BausL und Papa in der ersten Reihe sitzen und klatschen.
Sie öffneten die Tür, und blieben stehen.
Der Fleck neben der Tür, wo gestern die Requisitenkiste gestanden hatte, war leer.
Einen Moment lang dachte Gloria, ihre Augen hätten sie getäuscht. Vielleicht stand die Kiste nur weiter hinten? Sie blinzelte, trat einen Schritt vor und suchte mit dem Blick den Boden ab. Aber da war nichts, keine Kiste, kein Rollwagen, nur Luft.
Nur ein scharfes Rechteck im Staub zeigte noch, wo die Kiste gestanden hatte. Die Staubfläche drumherum war leicht verwischt, als hätte jemand dort gestanden oder etwas darüber geschoben. Daneben verlief eine schmale, etwas dunklere Spur: eine Linie, wie von einem Rad, das durch den Staub gezogen war. An einer Stelle war sie unterbrochen, als wäre dort jemand mit dem Fuß dazwischengetreten.
Hinter Gloria schob sich die Klasse in den Eingang. Jemand stieß leicht gegen sie, weil alle sehen wollten, was los war. Ein Mädchen stellte sich auf die Zehenspitzen und griff nach der Schulter ihrer Freundin, um besser sehen zu können.
„Äh … Frau Clausen?“, sagte Gloria vorsichtig, ohne den Blick von der leeren Stelle zu lösen.
Die Lehrerin drehte sich um, folgte ihrem Blick, und ihr Lächeln verschwand. Sie trat näher, kniete sich ein Stück hinunter und strich mit den Fingerspitzen über den staubigen Boden. Dabei blieb etwas Staub an ihrer Hand hängen.
„Wo ist die Kiste?“, murmelte sie. „Die stand doch genau hier. Gestern noch.“
„Vielleicht ist sie einfach umgefallen?“, vermutete jemand aus der zweiten Reihe.
„Dann würde sie hier irgendwo herumliegen“, erwiderte Lynn. „Tut sie aber nicht.“ Sie machte einen kleinen Schritt nach links und prüfte mit dem Fuß, ob vielleicht irgendwo etwas hinter der Wand stand. Nichts.
Ben kniete sich hin, sein Notizbuch lag schon fast automatisch in der Hand. Allein die Bewegung sah schon nach Ermittler aus. „Da ist eine Reifenspur“, stellte er fest und folgte der Linie mit dem Finger. „Jemand hat sie nicht getragen, sondern gerollt.“ Er schrieb das Wort „gerollt“ in sein Heft und umkreiste es.
„Vielleicht hat der Hausmeister sie weggestellt“, meinte jemand aus der Klasse. „Damit sie nicht im Weg steht.“
„Ohne ein Wort?“, fragte Lynn skeptisch. „Gestern hat er noch gesagt, wir sollen alles selbst wiederfinden, falls wir was verlegen.“
Ein leises Gemurmel ging durch die Gruppe. Einige Kinder hielten sich aneinander fest, andere stellten sich auf die Zehenspitzen, um mehr zu sehen. Ein Junge flüsterte: „Vielleicht hat sie jemand geklaut“, bekam aber sofort einen warnenden Blick von Frau Clausen.
Frau Clausen biss sich auf die Lippe. „Ohne die Requisiten können wir heute nicht richtig proben“, sagte sie. „Die Krone, der Wimpel, der Stern … das ist alles da drin. Und die Lampions.“ Man hörte, wie wichtig ihr das Stück war.
„Und das Schiff!“, ergänzte Filiz sofort. „Das kann doch nicht einfach weg sein.“ Ihre Stimme klang empört, als wäre jemand einfach mit einem Fahrrad davongefahren, das nicht ihm gehörte.
Filiz stemmte die Hände in die Hüften. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder jemand hat sie für uns zur Seite geräumt, oder jemand wollte sie weg haben.“ Sie zog dabei die Augenbrauen zusammen und sah kurz in den dunkleren Gang, als würde dort die Lösung stehen.
„Nicht gleich an Diebe denken“, mahnte Frau Clausen. „Aber wir müssen sie finden. Sonst war die ganze Bastelarbeit umsonst. Und ich möchte nicht, dass ihr euch umsonst so viel Mühe gegeben habt.“
Gloria spürte, wie ihr Bauch kribbelte. Es war nicht das nervöse Theaterkribbeln, das sie vor einer Aufführung fühlte, sondern das andere: Hier stimmt etwas nicht. Und wir sind genau zur richtigen Zeit hier. Es fühlte sich an wie am Anfang eines neuen Fahrrad-Gang-Falls … nur eben ohne Fahrräder.
Sie erinnerte sich an Muffin, an die Backstube, an den Fall mit der verschwundenen Rezeptseite. Damals hatte ihr Bauch ganz ähnlich gekribbelt.
„Vielleicht ist sie in den großen Probenraum gerollt“, meinte ein Junge aus der Parallelreihe. „Wenn die Tür offen war und der Boden schief ist …“
„Oder jemand hat sie fürs Wochenende in ein anderes Zimmer gestellt“, überlegte eine andere. „Vielleicht dachte jemand, das ist nur eine alte Kiste.“
„Das klären wir“, sagte Frau Clausen und richtete sich auf. Man hörte ein leises Seufzen, aber ihre Stimme blieb ruhig. „Alle erst mal in den Probenraum, Jacken ausziehen, Rucksäcke an die Seite. Wir schauen uns gleich gemeinsam um. Und niemand rennt alleine durchs Gebäude, verstanden?“
Ein gemischtes „Ja“ antwortete ihr. Rucksäcke raschelten, Jackenärmel glitten übereinander. Die Klasse zerstreute sich langsam, aber die meisten warfen beim Vorbeigehen noch einen letzten Blick auf die leere Stelle im Staub.
Gloria blieb mit Ben, Lynn und Filiz noch einen Moment in der Nähe der Tür stehen. Jetzt, wo es etwas ruhiger war, konnten sie den Boden genauer betrachten. Der Staub sah aus wie eine helle, feine Decke, in die jemand eine Linie gezeichnet hatte.
„Die Spur geht da weiter“, sagte Ben leise und deutete in den Gang hinein. „Aber dann wird sie schwächer, wahrscheinlich, weil mehr Leute drübergelaufen sind.“
„Wenn jemand etwas verstecken will“, meinte Filiz, „dann stellt er es meistens nicht mitten in den Raum. Sondern irgendwo, wo man erst später hinguckt. Hinter Vorhänge, unter Treppen, in Ecken.“
Lynn schaute in die dunklere Ecke hinter der Tür. „Oder er stellt es hin, vergisst es und denkt später, jemand anderes war’s“, sagte sie. „So wie bei mir zu Hause mit den Hausschlüsseln. Am Ende waren sie doch in meiner Jacke.“
Gloria musste kurz grinsen, aber das Kribbeln in ihrem Bauch blieb. Es fühlte sich an wie eine kleine, unsichtbare Hand, die an einem Faden zog … ein Faden, der irgendwo hinführte, den sie aber noch nicht ganz erkennen konnte.
Sie sah zu ihren Freunden. Ben sah bereits wie ein Ermittler aus, der gleich sein erstes Protokoll schreiben würde, Lynn beobachtete die anderen Kinder und die Lehrerin, und Filiz spähte aufmerksam in jede Ecke, als könnte die Kiste hinter jeder Tür lauern.
Aus dem Probenraum drang das Rascheln von Textblättern und das Quietschen von Stuhlbeinen. Jemand probte seine erste Zeile und brach mitten im Satz ab, weil er sich versprochen hatte. Alle wirkten plötzlich ein bisschen leiser als sonst.
Die Aufführung schien für einen Moment ganz weit weg zu sein.
„Wenn wir die Kiste nicht finden, fällt der Stern runter“, murmelte Filiz. „Zumindest in meinem Kopf.“
„Er fällt nicht runter“, sagte Gloria schnell. „Wir finden sie.“ Ihr Bauch kribbelte stärker. Es war kein unangenehmes Kribbeln, eher wie lauter kleine Fragen auf einmal.
Gloria schluckte. Noch war das kein offizieller Fall. Niemand hatte sie darum gebeten, etwas zu untersuchen, und es war auch nicht sicher, ob überhaupt wirklich jemand etwas Falsches gemacht hatte.
Aber in ihrem Kopf formte sich bereits ein Satz:
„Fall 003: Die verschwundene Theaterkiste.“
Sie sprach ihn nicht laut aus, noch nicht. Aber der Satz blieb klar und deutlich in ihr, wie eine Überschrift in Bens Notizbuch, die nur darauf wartete, ausgefüllt zu werden. Und Gloria wusste: Sobald ein Satz erst diesen Platz in ihr gefunden hatte, würde sie ihn so schnell nicht wieder loslassen.

