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Das Geheimnis der Salzspeicher (Band 3)

Avatar-Foto Papa BausL 4. Juli 2026 46 Minuten gelesen
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Kapitel 2
Kinderzeichen am Rathaus

Am nächsten Vormittag machte die Koalaklasse einen kurzen Umweg, bevor es wieder zu den Speichern ging. Die Luft roch nach Marktständen, ein bisschen nach Fischbrötchen und nach den Brötchen aus der Bäckerei an der Ecke. Gloria mochte den Mix aus warmem Backduft und salziger Luft, bei dem Fischbrötchengeruch knurrte ihr leise der Bauch. Sie schob ihr Fahrrad an der Hand und spürte die kühle Pflasterung durch die Sohlen ihrer Turnschuhe. Neben ihr klapperten ein paar leere Getränkekisten, die ein Lieferwagen gerade abgeladen hatte.

Frau Clausen hatte etwas Besonderes vor. Man sah es daran, wie sie immer wieder nach hinten zur Klasse schaute und dabei ein bisschen geheimnisvoll lächelte.

„Heute werden wir Stadt-Detektive“, sagte sie, als sie auf dem Marktplatz stehen blieben. Ihre Stimme hallte leicht zwischen den Häusern wider. „Wir sammeln Kinderzeichen von Lübeck. Dinge, die ihr später wiedererkennen könnt, wenn ihr durch die Stadt lauft. Eure eigenen Spuren in der Stadt.“

Gloria mochte das Wort. Kinderzeichen. Es klang so, als würde die Stadt extra für sie kleine Hinweise verstecken. Und so, als würde jemand sagen: Ihr gehört genauso zu dieser Stadt wie die großen Leute.

Sie blieb einen Moment stehen und ließ ihren Blick über den Platz wandern: die Marktstände mit bunten Planen, die Menschen mit Einkaufstaschen, die Tauben, die hofften, dass jemand einen Brötchenkrümel fallen ließ.

Vor ihnen ragte das Rathaus auf: dunkelbrauner Backstein, Bögen, Türmchen und hoch darüber die große Schauwand mit den runden Öffnungen. Rechts daneben sah man die hellere Fassade mit den Fenstern, links reihten sich andere alte Häuser aneinander. Über allem hing ein Stück blauer Himmel, auf dem eine einzige Wolke wie ein weißer Fleck schwebte.

„Was fällt euch besonders auf?“, fragte Frau Clausen.

„Die Löcher!“, sagte Ben sofort. „Die großen runden da oben.“

Jetzt sahen alle genauer hin. In der hohen Backsteinwand über der helleren Fassade waren große, kreisrunde Öffnungen … fast wie Fenster ohne Glas. Je länger Gloria hinschaute, desto mehr hatte sie das Gefühl, die Mauer würde sie zurück anschauen.

„Die sehen aus wie riesige Käsestücke mit Bissspuren“, flüsterte Filiz.

„Oder wie Löcher von einem Riesellocher“, meinte Lynn. „Fast so, als hätte jemand die Mauer angeknabbert.“

„Vielleicht war es ein Rathaus-Kobold“, raunte ein Junge aus der Klasse und grinste. Ein paar Kinder kicherten.

Ein Tourist blieb kurz stehen, hörte zu und sah dann ebenfalls zu den Öffnungen hinauf, als hätte er sie zum ersten Mal bemerkt. Er machte ein Foto und schaute auf seinem Handy nach, ob es gut geworden war.

Frau Clausen lächelte. „Die Löcher sind kein Zufall. Weiß jemand, warum man so etwas in eine Mauer baut?“

Gloria legte den Kopf schief und dachte an den Wind, der hier zwischen den Häusern hindurchpfiff. Eine Böe strich ihr über das Gesicht, und in ihrem Bauch kribbelte es kurz. Sie mochte dieses Kribbeln. Es kam immer dann, wenn sie das Gefühl hatte, dass es eine Antwort gab, die sie fast schon kannte.

„Vielleicht“, begann sie vorsichtig, „damit der Wind nicht die ganze Mauer umbläst? Wenn er durch die Löcher pusten kann, drückt er nicht mehr so stark.“

Sie sagte es halblaut, fast so, als würde sie mit dem Rathaus selbst sprechen.

„Genau“, sagte Frau Clausen. „Das sind Windlöcher. Durch sie kann der Wind hindurch, und die Fassade wird weniger stark gedrückt. So schützt man ein hohes Haus vor Sturm. Die Menschen haben sich früher sehr genau überlegt, wie sie bauen müssen.“

„Also sind das so was wie Lufttore“, überlegte Filiz. „Für Sturm-Luft.“

„Oder wie runde Türen für den Wind“, ergänzte Lynn.

Ben schrieb eifrig in sein Notizbuch: „Rathaus: große runde Windlöcher. Wind kann hindurch, Mauer bleibt stärker. Lufttore.“ Er zog dabei die Stirn kraus, als würde er einen besonders wichtigen Geheimcode notieren, und malte kleine Kreise daneben.

„Und jetzt kommt euer Kinderzeichen-Auftrag“, fuhr Frau Clausen fort und verteilte kleine Zettel und Stifte. „Nummeriert die großen runden Löcher an der Rathauswand zum Markt hin von links nach rechts und schreibt die Gesamtzahl auf. Nur die Löcher! Keine Fenster, keine Uhr, nichts anderes. Es ist okay, wenn ihr verschiedene Zahlen herausbekommt. Wichtig ist, dass ihr genau hinschaut. Detektiv-Augen eben.“

Die Kinder verteilten sich am Rand des Platzes. Gloria fühlte sich plötzlich wie bei einem echten Fall: Jeder Blick musste sitzen, jeder Fehler konnte die Lösung durcheinanderbringen. Einige zählten mit dem Finger in der Luft, andere flüsterten Zahlenreihen vor sich hin. Jemand begann bei der falschen Reihe und musste wieder von vorne anfangen.

„Wir teilen uns auf“, schlug Lynn vor. „Ich zähle von links bis zur Mitte, du von der Mitte bis rechts.“

Ben nickte. „Und wenn wir auf dieselbe Zahl kommen, ist es wahrscheinlich richtig. Wenn nicht, müssen wir noch mal.“

Gloria stellte sich etwas weiter nach hinten, damit sie die ganze Fassade sehen konnte. Ein Mann mit Einkaufstaschen ging kurz vor ihr vorbei, sie wartete, bis sie wieder freie Sicht hatte. Sie ließ ihren Blick langsam von links nach rechts wandern, konzentriert wie beim Fahrradfahren über eine neue Kreuzung. Sie ließ jedes Loch kurz auf sich wirken, damit sie keins übersah.

„Eins … zwei … drei …“, murmelte sie. Beim sechsten Loch blieb sie kurz stehen, weil genau in dem Moment die Rathausuhr schlug. Der Klang schob sich zwischen ihre Zahlen, tief und klar.

„Oh nein“, flüsterte sie und musste lachen. Sie wartete, bis das Läuten verklungen war, schloss kurz die Augen und begann im Kopf noch einmal von vorne.

In ihrem Bauch fühlte es sich an, als würde jedes Loch ein kleiner Punkt auf einer unsichtbaren Karte werden. Eine Karte, die nur sie und ihre Freunde kannten. Sie stellte sich vor, wie sie diese Karte später im Gang-HQ an die Wand hängen würden, mit kleinen Pfeilen und Kringeln.

„Ich hab eine Zahl!“, rief Filiz irgendwann. „Aber ich sag sie noch nicht, sonst verwirre ich euch.“

„Ich auch“, sagte Ben leise. „Ich hoffe, Lynn hat dieselbe.“

Am Ende trafen sie sich wieder bei Frau Clausen. Der Marktplatz summte leise: Stimmen, Schritte, das Rattern eines Rollkoffers, irgendwo eine spielende Straßenmusikerin, die leise Gitarre übte. Eine Taube stolzierte direkt an Bens Schuhen vorbei.

„Habt ihr alle eine Zahl?“, fragte Frau Clausen.

Die Kinder hielten ihre Zettel hoch. Verschiedene Zahlen wurden genannt. Einige lagen deutlich daneben, ein paar sehr nah beieinander. Ben und Lynn sahen sich an und grinsten, denn ihre beiden Zahlen waren gleich. Filiz hielt ihren Zettel dicht an sich heran, als wäre er ein Geheimcode.

Frau Clausen nickte zufrieden, sagte aber nicht, welche Zahl stimmte.

„Spannend, oder?“, meinte sie. „So ein altes Haus sieht erst mal nur schön aus. Aber wenn man genauer hinsieht, merkt man, wie viel Gedankenarbeit in so einer Fassade steckt. Man kann Häuser lesen wie Bücher. Eure Zahlen heften wir in der Klasse an die Wand. Hebt eure Zettel gut auf, wir werden sie im Laufe des Schuljahres noch einmal brauchen.“

„Vielleicht machen wir eine richtige Kinderzeichen-Karte von Lübeck“, sagte Lynn leise zu Gloria. „Mit Löchern, Türmchen und allem. Dann kann man unsere Spuren in der Stadt wiederfinden.“

„Und mit markierten Kuchen-Orten“, ergänzte Filiz sofort. „Das ist wichtig. Ohne Kuchen ist jede Karte nur halb so gut.“

„Und mit dem Laub-HQ“, meinte Gloria. „Sonst fehlt ein wichtiges Stück.“

Ben steckte seinen Zettel zusätzlich in das Notizbuch der Fahrrad-Gang. „Sicherheitshalber“, murmelte er. „Vielleicht wird diese Zahl später noch wichtig. So wie ein Krümel in einem großen Kuchen.“ Er strich über die Seite, als wollte er den Krümel besonders festkleben.

Gloria sah noch einmal hinauf zu den Löchern in der Mauer. Der Wind strich an ihren Wangen vorbei, rauschte irgendwo hoch oben durch die runden Öffnungen und pfiff ein leises Lied. Es klang, als würde die Stadt selbst etwas erzählen, ganz langsam, Stein für Stein.

Kinderzeichen, dachte sie. Nicht nur auf Papier, sondern direkt in die Stadt gebaut.

Sie atmete tief ein, prägte sich die Fassade, die Löcher und den Platz davor noch einmal genau ein und folgte dann den anderen. In ihrem Bauch kribbelte es kurz, nicht so stark wie bei einem richtigen Fall, eher wie ein kleines Vor-Stupsen: Merk dir das. Das könnte noch wichtig werden.

Dann ging es weiter zu den Speichern. Niemand ahnte, dass sie dort gleich ein ganz anderes Rätsel erwartete: eines, das nichts mit Steinen, sondern mit einer verschwundenen Kiste zu tun hatte.

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Tags: Fahrrad-Gang Geschichte Kinder kostenlos Lübeck

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