Kapitel 1
Theaterluft in den alten Speichern
An diesem Nachmittag roch Lübeck nicht nach Kuchen, sondern nach Geschichte. Gloria war aufgeregt und ein kleines bisschen nervös, so wie immer, wenn etwas Wichtiges bevorstand. In ihrem Bauch fühlte es sich an, als würden ganz kleine Koggen über leichte Wellen schaukeln.
Über der Trave lag ein silbriger Schimmer, und die alten Salzspeicher standen dicht nebeneinander wie große, rote Backsteinriesen mit schmalen Fenstern. Gloria hörte das leise Gluckern des Wassers und spürte, wie die kühle Luft ihr über die Arme strich. Auf dem Wasser schaukelten ein paar Möwen, und irgendwo schlug langsam eine Schiffsglocke. Ein Ausflugskutter tuckerte vorbei, seine Wellen schwappten gegen die Mauern, und für einen Moment musste Gloria an echte Handelsschiffe von früher denken, voll beladen mit Salz.
Sie blieb kurz stehen, bevor sie das Fahrrad weiterschob, und betrachtete die Speicher. „Stell dir vor, die könnten reden“, sagte sie leise zu Lynn, die neben ihr herging. „Was die wohl alles erzählen würden?“
„Wahrscheinlich, dass wir schneller laufen sollen, sonst fängt die Probe ohne uns an“, grinste Lynn.
Gloria lachte und trat ein bisschen schneller. Dort, wo früher Salz lag, probte jetzt Frau Clausens Klasse ihr neues Theaterstück für das Schulfest: „Die Stadt der Sterne – Lübeck erzählt“, das wichtigste Projekt der Klasse in diesem Schuljahr.
Gloria liebte diesen Titel. Immer, wenn sie ihn hörte, sah sie in ihrem Kopf Koggen, die nachts in den Hafen einliefen, und Sterne, die sich in der Trave spiegelten. Es erinnerte sie an damals, als sie mit ihrem Fahrrad, ihrer eigenen kleinen Kogge, zum Holstentor gefahren war und ihr Bauchgefühl plötzlich ganz warm geworden war. Damals hatte alles angefangen, und jetzt stand sie schon wieder vor einem Ort, an dem sich Geschichte und ihr eigenes Leben berührten.
„Bitte vorsichtig mit dem Stern!“, rief Frau Clausen, als Ben und Lynn gemeinsam eine große Pappfigur trugen. Es war ein goldener Stern mit langen Zacken, den die Klasse in mühevoller Kleinarbeit gebastelt hatte. An einigen Stellen glänzte noch getrockneter Kleber, und Glitzerstaub funkelte im Licht.
„Wenn der runterfällt, war’s das mit dem Sternenwunder“, murmelte Ben und hielt die Pappfigur etwas fester.
„Dann müssten wir das Stück in ‚Die Stadt ohne Sterne‘ umbenennen“, flüsterte Lynn zurück. „Das wäre ziemlich traurig.“
„Und Frau Clausen würde einen Herzklabaster kriegen“, raunte Filiz und tat so, als fächere sie sich Luft zu.
Gloria schob eine Requisitenkiste auf einem klappernden Rollwagen hinterher. Bei jeder Bodenfuge holperte der Wagen, und der Deckel der Kiste vibrierte leicht. Einmal sprang der Deckel ein Stück auf, und Gloria musste ihn mit der Hüfte wieder zudrücken.
In der Kiste lagen die wichtigsten Dinge für die Aufführung: die Papierkrone für den Bürgermeister, der bemalte Wimpel mit dem Schriftzug „Lübeck“, ein altes Holzschiff-Modell, das die Schule aus dem Fundus bekommen hatte, und kleine Lampions aus Transparentpapier. Zwischen den Requisiten steckten noch ein paar zerknitterte Textblätter, deren Ecken aus der Kiste hervorlugten. Ein Glitzerstern hatte sich selbstständig gemacht und klebte jetzt an einer Lampion-Seite.
„Ich find’s immer noch verrückt, dass wir in richtigen Salzspeichern spielen“, murmelte Filiz und balancierte eine Kartonlaterne auf dem Kopf, bis Lynn sie ihr lachend abnahm.
„Wenn du damit umkippst, sind wir die erste Theatergruppe, bei der die Requisiten auf der Schauspielerin landen“, sagte Lynn.
„Das wäre wenigstens spektakulär“, fand Filiz. „Ich könnte dann so tun, als gehört das zum Stück.“
„Das ist voll logisch“, sagte Ben. „Früher haben sie hier das Salz gelagert, das die Stadt reich gemacht hat. Jetzt lagern sie hier Geschichten. Beides konserviert irgendwie.“
„Kon-ser-was?“, fragte Filiz.
„Konserviert“, erklärte Ben. „Das heißt, dass etwas länger hält. Salz hält Essen frisch, so wie Marmelade im Glas lange gut bleibt. Geschichten halten Erinnerungen frisch.“
Gloria grinste. Genau so hatte Papa letztens auch über Fahrräder geredet: dass sie Momente konservierten. Man erinnerte sich an Wege, nicht nur an Orte. In ihrem Kopf sah sie kurz ihr eigenes Fahrrad vor sich, wie es am BausL lehnte.
Sie traten durch eine schwere Tür in den Speicher. Im Inneren war es zuerst etwas dunkler, bis sich ihre Augen daran gewöhnt hatten.
Der Probenraum war ein hoher Saal mit Holzbalken an der Decke. „Wow, der ist ja riesig“, flüsterte Lynn.
„Fast wie eine richtige Theaterbühne“, meinte Filiz und drehte sich einmal im Kreis.
Zwischen den Balken hing die Luft kühl und ein bisschen nach Staub und Holz. An einer Seite lehnten zusammenklappbare Stuhlreihen, an der anderen standen ein paar schwarze Bühnenpodeste, die zu einer kleinen Bühne zusammengeschoben worden waren. Staubkörnchen tanzten im Licht, das durch die hohen Fenster hereinfiel.
Der Hausmeister der Speicher hatte für die Schule ein paar Scheinwerfer aufgebaut, die jetzt noch dunkel an der Decke hingen. Kabelschlangen waren mit Klebeband am Boden befestigt, damit niemand stolperte. In einer Ecke stand ein kleiner Tisch mit einer Thermoskanne und Bechern. Frau Clausen nannte das ihren „Nerven-Tee“.
„Komm, Gang-HQ der Bühne“, sagte Gloria und schob die Kiste an den Rand. „Alles, was wir brauchen, ist hier drin.“
„Das ist eher ein Gang-HQ auf Rädern“, grinste Filiz. „Mobil-Einsatzkommando Salzspeicher.“
„Mit Spezialgebiet Glitzerstaub“, ergänzte Ben.
„Und Lampions in Not“, warf Lynn ein.
Sie stellten die Kiste an eine markierte Stelle neben dem Seiteneingang und klebten mit Kreppband ein kleines Papier daneben: „Requisiten – nicht verschieben!“. Gloria strich das Schild noch einmal glatt. Der Boden war mit einem dünnen Film aus hellem Staub bedeckt, der bei jedem Schritt leise aufwirbelte und kleine Wolken um ihre Schuhe bildete.
Gloria prägte sich die Ecke ganz genau ein: die raue Backsteinwand neben der Tür, ein kleiner Riss im Boden, der schmale Lichtstreifen, der durch das Fenster fiel und genau bis zu ihrem Kreppbandzettel reichte. Oben an der Wand hing ein kleiner Haken, an dem später der Stern befestigt werden sollte.
„So“, sagte Frau Clausen, klatschte in die Hände und stellte sich mitten in den Raum. Ihre Textmappe klemmte sie sich dabei unter den Arm. „Durchlauf Nummer zwei. Denkt dran: Laut sprechen, deutlich spielen, und wenn ihr nervös seid – tief atmen. Wir haben noch eine Woche bis zum Schulfest.“
„Eine Woche klingt lang“, flüsterte Lynn.
„Nur, wenn man keinen Text mehr lernen muss“, entgegnete Gloria. Ihr eigener Textteil saß schon ziemlich gut, aber sie hatte immer noch Angst, dass ihr im entscheidenden Moment ein Satz entfliehen könnte, wie ein Luftballon, der sich losreißt.
„Denk an deinen Bauch“, hatte Mama morgens gesagt. „Der merkt sich mehr, als du glaubst.“
Die Probe begann. Glorias Hände wurden ein bisschen feucht, und sie wischte sie unauffällig an ihrer Hose ab. Die Kinder verteilten sich auf der Bühne. Einige spielten Kaufleute am Hafen, andere Bürger auf dem Markt. Zwei Jungen stellten im Hintergrund mit Seilen und einem Holzgestell eine Brücke dar. Ein Mädchen hatte eine Schürze umgebunden und spielte eine Bäckerin, das erinnerte Gloria an die echte Bäckerei Hansen.
Gloria war das Mädchen, das sich wünschte, dass die Stadt ihre Geschichten nicht vergaß. Sie musste in der Mitte der Bühne stehen, zum Stern hinaufsehen und ihren Wunsch laut in den Raum sprechen.
„Du bist sozusagen der Startknopf der Geschichte“, hatte Frau Clausen ihr erklärt. „Wenn du deinen Wunsch aussprichst, geht alles los.“
Jetzt, in der Probe, spürte Gloria bei diesem Gedanken ein kleines, warmes Kribbeln. Es war fast wie am Anfang eines neuen Falls. Sie stellte sich vor, wie ihr Wunsch wie ein Lichtstrahl durch den Raum schoss und alle Szenen nacheinander zum Leben erweckte.
Manchmal verhaspelte sich jemand, manchmal verpasste jemand einen Einsatz. Dann stoppte Frau Clausen die Szene, atmete tief durch und ließ sie noch einmal von vorne beginnen.
„Das ist der Vorteil von Proben“, sagte sie. „Hier dürft ihr Fehler machen. Dafür sind sie da.“
Die Probe lief insgesamt gut. Ein paar Einsätze waren noch holprig, aber niemand vergaß komplett seinen Text. Herr Schmidt aus dem Altenheim würde mit ein paar anderen Bewohnern zur Aufführung kommen, das hatte Mama schon erzählt. Und Bäcker Hansen hatte versprochen, ein paar Tabletts mit Sonnenblick-Kuchen zum Schulfest zu liefern.
„Dann riecht es hier vielleicht doch wieder nach Kuchen“, hatte Filiz bei der Ankündigung gesagt.
„Und nach Lampenwärme und Staub und Aufregung“, ergänzte Gloria. Sie mochte diesen Mix, er gehörte für sie zu Theaterluft dazu.
Als sie zum Schluss den großen Stern an einem Haken unter der Decke hochzogen, knackte kurz ein Balken, und ein feiner Staubregen rieselte auf sie herab. Einige Kinder kicherten, andere sahen kurz besorgt nach oben.
„Alte Häuser reden in ihrem eigenen Knarzen“, sagte Frau Clausen. „Keine Sorge, das hält. Die Speicher stehen schon länger als wir alle zusammen.“
„Vielleicht erzählt das Knarzen auch was“, flüsterte Gloria. „Man müsste nur verstehen, was.“
„Vielleicht sagt es: ‚Viel Glück für euer Stück‘“, meinte Lynn und zog eine Grimasse.
Gloria legte zum Schluss die Kronen, Wimpel und den Sternanhänger wieder in die Kiste. Ganz vorsichtig, damit nichts knickte. Sie stapelte alles so, dass der Stern oben lag und die Krone nicht gequetscht wurde. Sie sah sich den Platz noch einmal genau an: Seiteneingang, Kiste, Staub, ihr Kreppbandzettel, der Riss im Boden, der Lichtstreifen, der Haken an der Wand.
Noch fühlte sich in ihrem Bauch alles ruhig an. Nichts kribbelte merkwürdig, nichts zog, als wäre alles genau so, wie es sein sollte. Es war einfach nur ein guter Probentag, an dem Theaterluft und Speicherknarzen zusammenpassten wie Fahrradklingeln und Kopfsteinpflaster.
„Wenn wir morgen wiederkommen“, dachte sie, „steht bestimmt genau hier unser kleines Theater-Schatzkästchen. Genau so, wie wir es hinterlassen haben. Vielleicht riecht es dann schon ein bisschen nach Kuchen.“
Sie nahm ihren Rucksack, schob den Rollwagen zurück an die Wand und lief mit den anderen hinaus ins Freie. Hinter ihr schloss die schwere Tür leise.
Draußen blendete sie kurz das Licht, und der Wind roch nach Wasser und einem Hauch Hafen. Gloria war müde, aber zufrieden. Sie dachte an ihren Text, an den Stern und daran, wie alles zusammenspielen würde.
Da ahnte sie noch nicht, wie leer dieser Fleck am nächsten Tag aussehen würde.

