Kapitel 9
Backen mit der Gang
Der Backraum war jetzt nicht mehr nur ein Rätselort, sondern eine Werkstatt für etwas Gutes. Hansen erklärte jeden Schritt, als würde er ein Geheimnis mit ihnen teilen, das man nicht einfach in Worte fassen konnte.
„Der Sonnenblick-Kuchen braucht nicht nur gute Zutaten“, sagte er, während er Mehl in eine große Schüssel schüttete. „Er braucht auch Zeit und Ruhe. So wie ihr beim Fahrradfahren gelernt habt, dass Hektik nichts bringt.“
Sie wogen Mehl ab, schlugen Eier auf, rührten Butter cremig. Lynn durfte den Honig abmessen, „nur dieser hier“, betonte Hansen und zeigte auf ein Glas mit einem kleinen, handgeschriebenen Etikett. „Heidehonig von einem Imker, den ich schon seit Jahren kenne.“
„Der riecht anders als der aus dem Supermarkt“, stellte Lynn fest und hielt kurz die Nase darüber.
„Weil darin die Wiesen und der Sommer stecken“, sagte Hansen.
Ben beobachtete genau, wie viel von jeder Zutat in die Schüssel kam, schrieb aber diesmal ausnahmsweise nichts mit. „Man muss nicht alles in Zahlen fassen“, murmelte er. „Manchmal reicht sehen und merken.“
Filiz durfte vorsichtig den Teig auf die Bleche streichen und ihn glatt ziehen, und Gloria half, die Formen zu buttern und zu belegen.
Tim stand daneben, zuerst etwas unsicher, dann immer entspannter. „Ich glaube, ich hab noch nie so viele helfende Hände in der Backstube gesehen“, sagte er. „Sonst schimpft der Chef, wenn jemand ihm ‚reinpfuscht‘.“
„Das ist heute ein besonderer Tag“, sagte Hansen. „Heute ist Sonnenblick-Tag mit Sonderbesetzung.“
Als der Kuchen im Ofen war, setzte sich Hansen auf einen Hocker und wischte sich die Stirn. „Jetzt brauchen wir nur noch Geduld“, sagte er. „Und ein bisschen Vertrauen.“
Der Duft, der sich langsam aus dem Ofen schlich, war anders als alles, was sie bisher an dem Tag gerochen hatten. Warm, süß, mit einer leichten, frischen Note, die an Sommerabende im Garten erinnerte. Gloria schloss kurz die Augen und stellte sich die Gesichter im Altenheim vor, wenn der Kuchen endlich ankam.
„Jetzt verstehe ich, warum er Sonnenblick heißt“, murmelte sie. „Er riecht wie die Sonne durch ein Fenster.“
Hansen lächelte. „Und ich verstehe, warum ihr euch Fahrradgang nennt. Ihr seid schnell, aber ihr fahrt nicht einfach nur wild los. Ihr denkt nach und helft.“
„Manchmal fahren wir auch nur für Eis“, gab Filiz zu.
„Alle guten Detektive brauchen Eis“, sagte Lynn ernst.
Als der Kuchen fertig war, schnitt Hansen vorsichtig Stücke ab und legte sie auf Teller. Ein ganzes Blech packte er in Kartons.
„Für das Altenheim“, sagte er. „Die haben lange genug gewartet. Und ein paar Stücke für euch. Kuchenhonorar.“
„Das klingt viel besser als Taschengeld“, meinte Ben.
