Kapitel 8
Das Rezept und das Vertrauen
Zurück in der Bäckerei wirkte alles noch stiller als zuvor. Es war spät am Nachmittag, die meisten Brotregale waren leer. Hinter der Theke stand Hansen und räumte Bleche übereinander, als wolle er die Stille zusammenstapeln.
„Wir haben etwas für Sie“, sagte Gloria, kaum dass die Glocke über der Tür geklingelt hatte.
Der Bäcker drehte sich um. „Wenn es schlechte Nachrichten sind, behaltet sie lieber“, sagte er. „Der Tag war schon…“
„Es sind gute Nachrichten“, unterbrach ihn Lynn.
Ben trat vor und öffnete sein Notizbuch. Vorsichtig, als wäre es ein zerbrechliches Schmetterlingsflügelpaar, nahm er die Karte heraus und legte sie auf die Theke.
Hansen starrte mit großen Augen darauf, als könnte es nicht sein.
„Das… ist sie“, flüsterte er schließlich und griff nach seiner Brille. „Die Karte.“ Seine Hände zitterten leicht, als er sie aufnahm. „Wo… wo habt ihr die gefunden?“
„Im Altenheim“, sagte Filiz. „In einer Blechdose bei Frau Petersen.“
„Sie hat Ihnen geholfen, Rezepte zu sortieren“, ergänzte Ben. „Und wollte das Wichtigste sicher aufbewahren. Nur hat sie vergessen, es zurückzugeben.“
Hansen lachte ein trockenes, ungläubiges Lachen. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über die Stirn.
„Ich werde alt“, murmelte er. „Ich suche in jeder Ecke meiner Backstube und vergesse, dass ich das Wichtigste selbst mit aus dem Haus getragen habe.“
„Sie haben es nicht absichtlich verloren“, sagte Gloria. „Sie wollten es doch gerade vor dem Verlieren schützen.“
„Das macht es eigentlich noch schlimmer“, meinte Hansen, aber seine Augen funkelten vor Erleichterung. „Und dabei… dabei haben die alten Damen recht: Eigentlich müsste ich den Kuchen auch ohne Zettel hinbekommen.“
„Frau Petersen sagt, Sie konnten ihn früher im Schlaf backen“, sagte Lynn.
Hansen verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Früher, ja. Als man noch nicht bei jedem Ding Angst hatte, es falsch zu machen. Als ich mich noch mehr auf meinen Bauch verlassen habe als auf Listen und Zettel.“
Gloria dachte an Lennards Worte. „Manchmal braucht man beides“, sagte sie. „Karte und Bauchgefühl. So wie wir: Notizbücher und Mut.“
Hansen legte die Karte behutsam auf den Tresen, als wäre sie ein kleiner Schatz. „Ihr habt nicht nur ein Rezept gefunden“, sagte er. „Ihr habt mir auch ein bisschen von meinem Vertrauen zurückgebracht.“
„Und den Bewohnern im Sonnenblick ihren Lieblingskuchen“, fügte Filiz hinzu.
„Da habt ihr recht“, sagte Hansen. „Und das holen wir heute noch nach, wenn ihr mir helft.“
Die Augen der vier Kinder leuchteten.
„Mithelfen?“, fragte Gloria. „So richtig?“
„Solange ihr tut, was ich sage, und die Finger von den heißen Blechen lasst“, sagte Hansen streng, aber sein Schnurrbart zitterte vor Freude. „Tim kann ein paar tüchtige Helfer gebrauchen. Und ich auch.“
