Kapitel 7
Alte Erinnerungen im Altenheim
Am nächsten Nachmittag fuhren sie wieder zum Altenheim. Diesmal nicht nur als Blumen- und Zeitungshilfen, sondern als Detektiv-Gang mit einem Problem im Gepäck.
Im Aufenthaltsraum saßen mehrere Bewohnerinnen und Bewohner um einen Tisch. Auf dem Tisch standen Tassen mit Kaffee, aber kein Kuchen. Dafür lag ein Teller mit ein paar trockenen Keksen, die niemand so recht anzurühren schien.
„Die sind nicht von Hansen“, murmelte Herr Schmidt. „Das merkt man sofort. Die schmecken nach gar nichts.“
„Meine Zähne merken das auch“, sagte Frau Hansen (die Bewohnerin) und lachte kurz, aber ohne viel Freude.
Gloria setzte sich zu ihnen. Ben stellte sich so hin, dass er gut schreiben konnte, ohne aufzufallen.
„Tut mir leid, dass es heute keinen Sonnenblick-Kuchen gibt“, sagte Gloria ehrlich. „Wir… arbeiten daran.“
„Ihr Kinder?“, fragte eine alte Dame mit silbergrauen Haaren und einer Kette, an der ein kleiner Anhänger hing. Sie hatte klare Augen, in denen etwas Aufforderndes lag. „Wie wollt ihr denn an einem Rezept arbeiten?“
„Wir versuchen herauszufinden, wo ein Zettel geblieben ist“, erklärte Ben. „Eine Karte mit dem Rezept. Ohne die backt Bäcker Hansen den Kuchen nicht.“
Die Frau sah ihn aufmerksam an. „Ein Rezept auf einer Karte“, murmelte sie. „Handschriftlich?“
„Ja“, sagte Lynn. „Von seinem Großvater.“
Die Augen der Frau wurden weich. „Ach, die alten Männer“, sagte sie leise. „Immer mit ihren Zetteln und doch alles im Kopf.“ Sie lächelte. „Ich war früher auch Bäckerin. In einer kleinen Bäckerei auf dem Land. Mein Mann hat seine Lieblingsrezepte zwar auch aufgeschrieben, aber wenn es drauf ankam, konnte er sie im Schlaf.“
„Dann kennen Sie den Sonnenblick-Kuchen?“, fragte Gloria.
„Natürlich“, sagte die Frau. „Den hat Hansen schon gebacken, als ich hier eingezogen bin. Ich glaube, seine Oma hat ihn erfunden.“
„Das wüsste er bestimmt gerne“, murmelte Ben und schrieb: „Frau Petersen, frühere Bäckerin, kennt Geschichte des Kuchens“.
„Wie heißen Sie?“, fragte Gloria.
„Ich bin Frau Petersen“, sagte sie. „Und wenn ihr dem Hansen helfen wollt, dann müsst ihr ihm sagen, dass er mehr Vertrauen in sich selbst haben soll. Ein Rezept ist nur ein Papier. Das Wichtigste steckt hier.“ Sie klopfte sich vorsichtig an die Brust und dann an die Stirn.
„Wir glauben, dass das Rezept trotzdem wieder auftauchen muss“, sagte Gloria. „Sonst ist der Stress im Backraum zu groß.“
Frau Petersen nickte langsam. „Manchmal verstecken die Leute wertvolle Dinge so gut, dass sie sie selbst nicht mehr finden“, sagte sie. „Oder andere räumen sie weg, um sie zu schützen.“
„Um sie zu schützen?“, wiederholte Ben.
„Ja“, sagte Frau Petersen. „Neulich hat Hansen mir einen Stapel alte Zettel gezeigt. Er wollte, dass ich ihm helfe, ein bisschen Ordnung reinzubringen. ‚Nicht, dass mir hier noch was verloren geht‘, hat er gesagt. Ich habe ihm geraten, einen festen Platz für alles zu finden. Ob er auf mich gehört hat, weiß ich nicht.“
Gloria spürte ein neues Kribbeln. „Wo haben Sie die Zettel sortiert?“, fragte sie.
„Hier“, sagte Frau Petersen und deutete auf eine kleine Kommode am Rand des Raumes. Sie stand halb im Schatten, mit einer Vase und einem Häkeldeckchen darauf. „Wir haben sie gemeinsam durchgesehen. Ich habe einige davon in eine Blechdose gelegt, damit sie nicht herumfliegen.“
Sie stand vorsichtig auf. Die Kinder erhoben sich ebenfalls und folgten ihr zur Kommode.
Die Schublade quietschte leise, als Frau Petersen sie aufzog. Sie nahm eine flache, verbeulte Blechdose heraus, auf der einmal ein buntes Bild gewesen sein musste. Jetzt war es fast ganz abgerieben.
„Ich sammle darin Rezepte“, erklärte sie. „Einige sind von mir, einige von alten Freundinnen. Und ein paar… hat Hansen dagelassen, als er gerufen wurde. Er wollte sie später noch einmal durchgehen.“
Gloria und die anderen hielten den Atem an, als sie den Deckel öffnen sahen. Innen lagen mehrere Karten und Zettel, manche ordentlich, andere schief übereinander.
„Dürfen wir nach einer bestimmten Karte schauen?“, fragte Ben vorsichtig. „Wir fassen sie nur an, wenn Sie es erlauben.“
„Solange ihr mir nichts klaut“, sagte Frau Petersen und schmunzelte, „dürft ihr schauen. Ich glaube, ich habe sowieso mehr Rezepte, als ich in diesem Leben noch backen kann.“
Ben nahm eine Karte nach der anderen heraus. Apfelkuchen. Nussbrot. Zimtsterne. Vanillekipferl. Dann zog er eine etwas vergilbtere Karte hervor, auf der in krakeliger Schrift stand: „Sonnenblick-Kuchen“.
Er blinzelte. „Äh… Gloria?“
Gloria beugte sich vor. Die Wörter tanzten vor ihren Augen, aber sie konnte eindeutig „Sonnenblick“ erkennen. Am Rand war ein kleiner Fleck, vielleicht von Honig oder Ei.
„Das ist sie“, flüsterte sie. „Die Karte.“
Lynn hielt sich instinktiv die Hand vor den Mund. Filiz machte große Augen.
„War die etwa die ganze Zeit hier?“, fragte Filiz.
Frau Petersen sah zwischen den Kindern und der Karte hin und her. „Oh“, sagte sie langsam. „Das… könnte sein. Hansen hat die Karteikarten auf meinen Tisch gelegt. Die mit den alten Familienrezepten. Ich hatte Angst, dass sie in seinem Durcheinander untergehen. Da habe ich einige herausgenommen und in meine Dose getan. Ich dachte, hier sind sie sicher. Ich wollte sie ihm später zurückgeben, aber… ich habe es vergessen.“
Gloria spürte, wie die Anspannung in ihrem Bauch sich löste. Niemand hatte etwas gestohlen. Niemand hatte etwas Böses gewollt. Es war ein Missverständnis, geboren aus Sorge.
„Dann haben Sie den Sonnenblick-Kuchen im Grunde gerettet“, sagte Lynn sanft.
„Oder erst mal versteckt“, murmelte Frau Petersen zerknirscht. „Oje. Der arme Mann. Er muss sich halbtot geärgert haben.“
„Wir bringen ihm die Karte“, sagte Gloria. „Und wir sagen ihm auch, dass jemand in ihm mehr Vertrauen hat, als er in sich selbst.“
Frau Petersen lächelte dankbar. „Tut das. Und sagt ihm… sagt ihm, dass er früher nie eine Karte gebraucht hat, um einen guten Kuchen zu backen.“
Ben legte die Karte behutsam in sein Notizbuch, zwischen zwei leere Seiten, damit sie nicht knickte.
„Fall 002 nimmt Form an“, murmelte er.
