Kapitel 6:
Die Werkstadt am Hafen
Der Weg zum Hafen führte sie über holpriges Kopfsteinpflaster, vorbei an alten Häusern, deren Mauern Geschichten atmeten. Zwischen den Dächern konnte man hin und wieder ein Stückchen Trave glitzern sehen. Möwen kreisten über ihnen und kreischten, als wollten sie mitreden.
Die alten Speicher am Hafen standen wie schlafende Riesen am Ufer der Trave. Zwischen ihnen lagen Werkstätten, kleine Ateliers und Lagerräume. Vor einer Werkstatt mit einem Schild „Möbelrestaurator Brandt“ standen zwei alte Stühle, deren Holz glänzte wie frisch poliert, und eine Tür, in die jemand sorgfältig „Bitte klingeln“ geschnitzt hatte.
„Hier muss es sein“, sagte Ben.
Sie stellten ihre Fahrräder ordentlich an die Wand und klopften. Ein Mann mit grauen Haaren, einem freundlichen, aber etwas müden Gesicht und ruhigen Augen öffnete. An seinen Händen klebten Holzstaub und ein bisschen Lackgeruch.
„Moin“, sagte er. „Kann ich helfen?“
„Guten Tag, Herr Brandt“, sagte Gloria höflich. „Wir kommen von der Bäckerei Hansen. Es geht um ein Holzstück, das Sie repariert haben. Und vielleicht um einen verlorenen Zettel.“
Brandt zog eine Augenbraue hoch, und sagte „Herr Hansen hatte kurz erwähnt, dass vielleicht Kinder vorbeischauen. Er klang… verzweifelt.“
„Das ist er auch ein bisschen“, sagte Lynn.
„Kommt rein“, sagte Brandt. „Aber nichts anfassen, was größer ist als ihr selbst. Einige Sachen stehen wacklig.“
Die Werkstatt roch nach Wachs, Leim und altem Holz. Überall standen Möbelstücke: Kommoden, Stuhlbeine, Schubladen. In der Ecke lag eine Thekenplatte, die Gloria entfernt an die aus der Bäckerei erinnerte.
„Hier habe ich die Kante abgeschliffen und neu befestigt“, erklärte Brandt und klopfte gegen die Platte. „Wenn ein Zettel irgendwo daran geklebt hätte, wäre er vielleicht mit hierher gekommen.“
Ben ging neben ihm her, Notizbuch in der Hand. „Haben Sie beim Aufräumen Papier gefunden? Lose Blätter, kleine Karten…?“
„Ich kehre immer alles zusammen“, sagte Brandt. „Papier werfe ich normalerweise in diese Kiste.“ Er deutete auf eine Pappkiste voller zusammengefalteter Zettel, Rechnungen, Werbung.
Lynn beugte sich hinunter. „Dürfen wir schauen?“
„Natürlich“, sagte Brandt. „Vielleicht ist euer Zettel ja darunter. Aber seid vorsichtig, einiges ist wichtig für meine Arbeit.“
Sie suchten. Ein altes Flugblatt. Ein Bestellzettel. Eine vergilbte Visitenkarte. Ein halber Einkaufszettel („Milch, Eier, Schrauben“). Aber keine Karteikarte mit einem Familienrezept.
Filiz sah unter einem Tisch nach, dann hinter einem Regal. „Hier ist nur Staub und eine Spinne“, murmelte sie. „Hallo, Spinne.“
„Vielleicht ist der Zettel irgendwo hinter ein Möbelstück gefallen?“, fragte Lynn.
„Ich bewege nichts Schweres ohne Grund“, sagte Brandt. „Aber wir können gemeinsam schauen.“
Sie schoben gemeinsam mit seiner Hilfe vorsichtig ein schmales Regal einen Spalt vor. Nur Holzstaub, ein verlorenes Knopfloch und eine einzelne Schraube kamen zum Vorschein.
Nach einer Weile standen alle wieder in der Mitte der Werkstatt. Brandt legte die Hände in die Seiten.
„Es tut mir leid, Kinder“, sagte er. „Ich fürchte, der Zettel ist nicht hier. Wenn er jemals mit der Theke mitgekommen ist, dann ist er vielleicht beim Kehren im Restmüll gelandet. Aber das will ich Herrn Hansen lieber nicht erzählen, bevor wir es sicher wissen.“
Gloria fühlte, wie ihr Bauch kurz schwer wurde. Sie hatte sich so sehr gewünscht, dass die Spur sie direkt zur Lösung führte.
„Manchmal führen Spuren auch in eine Sackgasse“, sagte Ben leise.
„Das gehört zu jedem guten Fall dazu“, meinte Filiz. „Sonst wäre es doch zu einfach.“
Brandt musterte sie. „Ihr nehmt das ernst, was?“
„Ja“, sagte Gloria. „Es geht nicht nur um einen Zettel, sondern um viele Menschen, die sich auf diesen Kuchen freuen. Und um etwas, das seit vielen Jahren zu Lübeck gehört.“
Brandt nickte anerkennend. „Dann wünsche ich euch Glück. Und wenn ich doch noch irgendwo einen vergilbten Zettel finde, gebe ich Bescheid.“
Draußen setzten sie sich kurz auf einen Poller und sahen der Trave zu, wie sie träge vorbeifloss. Ein Boot schob sich langsam über das Wasser, Möwen glitten hinterher.
„Jetzt?“, fragte Lynn.
Ben schlug sein Notizbuch auf und strich mit dem Stift eine Spur durch. „Werkstatt: kein Treffer. Schreiner Brandt: sehr wahrscheinlich unschuldig.“
„Bleiben noch Herr Köster vom Café und…“, begann Filiz.
„…die Möglichkeit, dass die Karte jemanden begleitet hat, der gar nicht wusste, wie wichtig sie ist“, sagte Gloria langsam.
„Wen meinst du?“, fragte Ben.
Gloria dachte plötzlich an das Altenheim. An die Frauen, die dort bei Kaffee und Kuchen saßen. An Mamas Worte. An Geschichten von früher.
Ihr Bauch kribbelte erneut.
„Ich weiß es noch nicht genau“, sagte sie. „Aber ich glaube, unser Weg führt uns noch einmal zum Sonnenblick.“
