Kapitel 5:
Eine Spur zum Hafen
Das Café am Markt war gemütlich und altmodisch. Durch die großen Fenster sah man auf den Platz, auf dem ein paar Tauben herumstolzierten, als gehörte er ihnen allein. Auf der Theke stapelten sich Kuchen und Torten, aber keine davon sah aus wie der Sonnenblick-Kuchen.
„Vielleicht backt er heimlich etwas Ähnliches“, flüsterte Filiz.
„Vielleicht backt er auch nur ganz normale Torten“, flüsterte Lynn zurück.
Herr Köster war ein Mann mit ordentlich gescheitelten Haaren und einer Schürze, die so weiß war, dass man sich fragte, ob er überhaupt jemals Mehl abbekam. Als sie eintraten, wischte er gerade ganz konzentriert ein Tablett ab.
„Guten Tag“, sagte Gloria höflich.
„Guten Tag, Kinder“, sagte Köster. „Wollt ihr ein Stück Apfelkuchen? Heute gibt es ein Angebot.“
Ben räusperte sich. „Wir kommen eigentlich wegen… wegen Bäckermeister Hansen.“
Köster stellte das Tablett ab. „Ach ja? Gibt es Probleme mit seiner Lieferung? Ich dachte mir schon, dass heute etwas nicht stimmt. Die Leute reden.“
„Es geht um sein Familienrezept“, sagte Gloria. „Die Karte ist verschwunden.“
Kösters Augen wurden groß. „Das Rezept? Verschwunden?“ Er klang gleichzeitig schockiert und… neugierig.
„Sie waren gestern bei ihm in der Backstube“, sagte Ben. „Und Sie interessieren sich sehr für den Sonnenblick-Kuchen, oder?“
„Natürlich interessiere ich mich für gutes Gebäck“, verteidigte sich Köster. „Ich habe auch ein Café zu führen. Aber ich würde doch nie…“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn nur gefragt, ob er mir ein paar Tipps gibt. Ein richtiger Meister gibt sein Wissen weiter. Aber er wollte nicht. Also gut. Seine Entscheidung.“
„Haben Sie die Karte gesehen?“, fragte Lynn.
„Aus der Entfernung“, gab Köster zu. „Sie lag in seiner Hand, und dann hat er sie weggelegt. Ich war nie nah genug, um sie zu lesen. Und ich habe sie nicht angerührt, das schwöre ich euch. So etwas wäre unter Bäckern, und ehemaligen Bäckern, eine Schande.“
Ben beobachtete, wie Kösters Hände ruhig blieben, als er sprach.
„Wissen Sie, ob kürzlich jemand Fremdes in der Backstube war?“, fragte Gloria.
„Nur der Schreiner“, sagte Köster. „Ich war da, als der Chef rumgenörgelt hat, dass überall Sägespäne und Mehl herumfliegen. Aber der Schreiner wirkte, als wären ihm Rezepte egal. Ihn interessierte nur das Holz.“
Ben schrieb: „Köster: neugierig, aber wahrscheinlich nicht direkt beteiligt. Hinweis bestätigt: Schreiner + Thekenreparatur wichtig.“
„Danke“, sagte Gloria. „Wir wollten nur verstehen, was passiert sein könnte.“
„Wenn ihr das Rezept findet“, sagte Köster, „sagt Hansen einen Gruß. Und richtet ihm aus, dass manche Dinge nicht nur auf Papier stehen. Man trägt sie in den Händen und im Herzen.“
Gloria nickte. Diesen Satz hatte sie in letzter Zeit öfter gehört.
Draußen vor dem Café lehnte sie sich an ihr Fahrrad.
„Also“, sagte Filiz. „Köster ist vielleicht nervig, aber kein Dieb. Bleibt der Schreiner.“
„Und die Möglichkeit, dass die Karte irgendwo ganz anders gelandet ist“, ergänzte Ben.
„Der Schreiner hat seine Werkstatt doch in den alten Speichern am Hafen, oder?“, fragte Lynn.
„Genau“, sagte Gloria. „Dann wissen wir ja, wohin unsere nächste Fahrt geht.“
Sie banden ihre Jacken fester zu, denn vom Hafen her wehte oft ein etwas kühlerer Wind, und stiegen auf ihre Fahrräder.
„1, 2, 3…“, begann Gloria.
„Peng!“, rief Filiz, und sie starteten.
