Kapitel 4:
Verdächtige Gespräche und ein Plan
Sie setzten sich an einen kleinen, mehlbestäubten Tisch in der Ecke. Hansen brachte jedem von ihnen ein Glas Wasser und stellte sich dann mit verschränkten Armen daneben.
„Also gut“, sagte Gloria. „Bevor wir wild herumrennen, hören wir uns erst mal um. Wer könnte die Karte berührt haben, absichtlich oder aus Versehen?“
„Ich sage euch, ich habe niemandem erlaubt, da dran zu gehen“, betonte Hansen. „Aber ich bin auch nicht überall gleichzeitig gewesen.“
Ben blätterte eine Seite in seinem Heft weiter. „Vorschlag: Wir sprechen nacheinander mit Tim, dem Lehrling, mit Frau Hansen und, wenn möglich, mit Herrn Köster. Danach sehen wir, ob wir der Spur des Schreiners folgen müssen.“
„Wir teilen uns auf?“, fragte Filiz hoffnungsvoll.
„Noch nicht“, sagte Gloria. „Das hier ist unser erster großer Fall, bei dem es nicht nur um eine Katze geht, sondern um etwas, das für ganz viele Menschen wichtig ist. Wir bleiben vorerst zusammen. Mehr Augen, mehr Ohren.“
Lynn atmete leise auf. Sie mochte das Gefühl, nicht allein irgendwo stehen zu müssen.
Tim, der Lehrling, war etwa sechzehn. Er hatte Locken, die ständig in die Stirn fielen, und Hände, die aussahen, als hätten sie schon tausend Brötchen geformt. Als Hansen nach ihm rief, kam er aus dem Lager, wischte sich eilig die Hände an der Schürze ab und sah die Kinder neugierig an.
„Tim, die jungen Leute wollen ein paar Fragen stellen“, sagte der Bäcker. „Wegen der… Sache.“
„Wegen der Karte?“, fragte Tim und wurde ein bisschen blass. „Ich hab sie nicht genommen, ehrlich!“
„Wir wollen niemandem die Schuld geben“, sagte Gloria schnell. „Wir wollen nur verstehen, was passiert ist.“
Tim nickte vorsichtig. „Na gut. Fragt.“
„Hast du gestern Abend, bevor du gegangen bist, die Schublade mit dem Rezept gesehen?“, fragte Ben.
„Ich hab gesehen, dass sie zu war“, sagte Tim. „Ich hab sie nicht aufgemacht. Ich hab nur die leeren Mehlbeutel zusammengelegt und den Boden gefegt.“
„Ist dir irgendwas Besonderes aufgefallen?“, fragte Lynn. „Besuch, Geräusche, jemand, der sich komisch verhalten hat?“
Tim überlegte. „Na ja… Herr Köster war da, wie so oft. Der hat wieder so interessiert geguckt, als der Chef die Karte in der Hand hatte. Und der Schreiner hat geflucht, weil überall Mehl war, als er die Theke wiederbringen wollte. Aber das ist ja nichts Neues. Hier ist halt immer Mehl.“
„Hast du gesehen, ob Herr Köster näher an die Schublade gekommen ist?“, hakte Filiz nach.
„Nicht direkt“, sagte Tim. „Der stand eher vorne im Laden. Er hat immer versucht, einen Blick hinter die Theke zu werfen.“
Ben notierte: „Tim: sieht Karte, Schublade zu, Köster neugierig, Schreiner meckert über Mehl“.
Auch Frau Hansen, die Bäckerin, war ratlos. Sie war eine freundliche Frau mit roten Wangen und einem Lächeln, das normalerweise wärmer war als jeder Ofen. Heute sah sie jedoch besorgt aus, und unter ihren Augen lagen leichte Schatten.
„Ich habe gestern nur kurz im Backraum nach den Kräutern geschaut“, sagte sie, als die Kinder mit ihr im Hof standen. Hier, hinter der Bäckerei, wuchsen in Töpfen Minze, Melisse und andere Kräuter. „Und ich habe ein paar Rechnungen aus dem Regal geholt. Die Karte habe ich nicht angefasst. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor dem alten Ding.“
„Haben Sie gemerkt, ob Ihr Mann besonders durcheinander wirkte?“, fragte Gloria.
„Er war nervös“, sagte sie. „Aber das ist er immer, bevor er den Sonnenblick-Kuchen macht. Er will, dass er perfekt wird. Es ist unser Aushängeschild, und für das Altenheim etwas Besonderes.“
„Also kein Streit, kein seltsamer Besuch?“, fragte Ben.
„Nur Herr Köster“, seufzte Frau Hansen. „Der war wieder hier und hat gefragt, ob er nicht mal bei der Zubereitung zusehen darf. Aber ich habe ihm gesagt, dass das Familiengeheimnis hierbleibt.“
„Und der Schreiner?“, fragte Filiz. „Hat der die Karte sehen können?“
„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Frau Hansen. „Er hat die Theke getragen, geschnitzt, geschliffen… aber er hat immer so getan, als wäre ihm alles, was nach Küche aussah, egal. Nur der Mehlstaub, der hat ihn gestört.“
Später, vor dem Laden, zogen sie sich kurz zurück.
„Also gut“, sagte Ben und fasste zusammen: „Tim wirkt ehrlich und eher unsicher. Frau Hansen hat Achtung vor der Karte. Bleiben als mögliche ‚Verwickelte‘: Herr Köster vom Café und der Schreiner Brandt. Plus die Möglichkeit, dass die Karte irgendwie verrutscht ist.“
„Wir sollten mit Herrn Köster reden“, sagte Lynn. „Wenn er das Rezept unbedingt wissen will, könnte er vielleicht versucht haben…“
„…zu gucken, nicht zu stehlen“, fiel Gloria ihr ins Wort. „Wir denken erst mal gut von den Leuten. Aber wir fragen.“
Das Café am Markt lag nur ein paar Straßen entfernt. Sie beschlossen, auf dem Weg dorthin schon mal ihre Fahrräder zu holen. Draußen atmete Gloria tief durch. Der Duft aus der Bäckerei klebte ihr in der Nase, aber dahinter spürte sie etwas anderes: die leise Anspannung eines echten Rätsels.
„Fall 002: Das Geheimnis der alten Backstube“, schrieb Ben in großen Buchstaben oben auf die Seite.
„Und was ist mit dem Schreiner?“, fragte Filiz.
„Der kommt danach“, sagte Gloria. „Einer nach dem anderen. Sonst kriegen wir alles durcheinander. Papa sagt, wer alle Schrauben auf einmal löst, steht am Ende mit einem Haufen Einzelteile da.“
Sie mussten grinsen. Dann schoben sie ihre Fahrräder los.
