Kapitel 3:
Spuren aus Mehlstaub
Der Backraum lag hinter einer Schwingtür, an der schon so viele Hände gedrückt hatten, dass die Farbe an den Kanten ein wenig abgewetzt war. Schon beim Durchgehen schlug ihnen eine Welle Wärme entgegen. Es roch nach Brot, nach Hefe, nach etwas leicht Nussigem. Überall standen Bleche, Brote, Körbe mit Brötchen. An der Wand reihten sich Regale mit Schüsseln, Dosen und Säcken.
Ein großer Holztisch stand in der Mitte, darauf lag noch Mehlstaub von der frühen Teigarbeit. Daneben ein Rührgerät, das aussah, als hätte es schon tausend Kuchenteige gemischt.
„Wow“, murmelte Filiz. „Das ist wie ein Museumsraum, nur leckerer.“
„Und chaotischer“, flüsterte Ben. „Okay, wir brauchen eine Karte.“ Er klappte sein Notizbuch auf und begann, grob den Raum zu skizzieren.
Hansen zeigte auf eine etwas heruntergekommene Holzschublade unter einem kleinen Regal. Der Griff glänzte vom vielen Anfassen.
„Hier bewahre ich die Karte auf“, sagte er. „Oder besser: Hier habe ich sie immer aufbewahrt.“
Ben zeichnete die Schublade in sein Heft und markierte sie mit einem dicken Punkt. „Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“
„Gestern Nachmittag, als ich die Teige vorbereitet habe“, sagte der Bäcker. „Danach war viel los, ich musste an den Laden, Lieferungen kamen, und dann… irgendwann waren die Gäste weg, und ich wollte die Schublade wieder zumachen. Da war die Karte nicht mehr da.“
„Wer war noch hier?“, fragte Gloria.
„Meine Frau kurz, dann mein Lehrling Tim, und gegen Abend kam Herr Köster vom Café am Markt vorbei, der wollte wieder über mein Rezept fachsimpeln“, brummte Hansen. „Der fragt jedes Mal nach, wie ich das genau mache. Aber ich sag ihm nie alles.“
Lynn schaute sich im Raum um. „Darf ich…?“ Sie zeigte auf den Boden.
„Solange du nichts isst, was auf den Boden fällt, ja“, sagte Hansen.
Lynn ging langsam ein paar Schritte und schloss die Augen. Sie atmete tief durch die Nase ein. Einen Moment war es still, nur das leise Brummen eines Kühlschranks war zu hören.
„Mehl… Hefe… ein Hauch Zimt… Vanille…“ Sie schien zu überlegen. „Und irgendwas Frisches, Zitroniges.“
„Zitrone gibt es in der Backstube öfter“, sagte Hansen. „Schalen, Aroma…“
„Aber das hier riecht mehr nach Kräutern“, murmelte Lynn. „Wie aus einem Garten. Nicht so scharf wie Zitrone, eher weich.“
„Vielleicht kommt das vom Hof“, meinte Filiz. „Da stehen doch Kräuter vor der Tür, oder?“
„Könnte sein“, sagte der Bäcker. „Meine Frau hat dort Töpfe mit Minze und Melisse.“
Ben schrieb „Kräuterhof“ in sein Heft und verband es mit einem Pfeil zur Schublade.
„Gab es in letzter Zeit Arbeiten hier drin?“, fragte Gloria. „Reparaturen oder so?“
Hansen nickte widerwillig. „Die Theke im Laden musste repariert werden. Die Vorderkante war locker, und ein Schreiner hat sie vor ein paar Tagen mitgenommen, hinten im Backraum zwischengelagert und dann wieder eingebaut. Seitdem finde ich nichts wieder, wo es vorher war.“
Filiz schnippte eine Mehlstaubspur mit dem Finger und ließ sie in einem kleinen weißen Wölkchen zu Boden rieseln. „Dann gibt es also nicht nur Mehlspuren, sondern auch Holzspuren.“
Gloria sah Ben an. „Verdächtigenliste?“
Ben nickte und schrieb laut vor:
„Verdächtige oder wichtige Personen: Lehrling Tim (war im Backraum), Frau Hansen (Kräutertöpfe, hilft manchmal), Herr Köster (Café-Besitzer, neugierig auf Rezept), Schreiner oder Möbelrestaurator (hat Teile der Theke bewegt).“
Er legte den Stift kurz an die Lippen. „Und natürlich die Möglichkeit, dass die Karte einfach… irgendwo runtergefallen ist.“
„Habe ich alles abgesucht“, sagte Hansen verzweifelt. „Unter den Schrank, hinter die Schublade, im Papierkorb. Nichts.“
Gloria strich mit der Fingerspitze eine kleine Spur im Mehl auf dem Tisch. „Manchmal sieht man die eigenen Krümel nicht, wenn man mitten im Kuchen steckt“, murmelte sie.
Lynn lächelte kurz. „Das klingt nach deinem Papa.“
Gloria nickte. „Er sagt, wenn man zu dicht dran ist, muss man manchmal jemanden fragen, der ein Stückchen weiter weg steht.“
„Dann ist es gut, dass ihr da seid“, sagte Hansen. „Vielleicht seht ihr etwas, das ich übersehe.“
Gloria spürte das Kribbeln in ihrem Bauch wieder. Ja, das war genau die Art von Fall, für die die Fahrradgang gegründet worden war.
