Kapitel 2:
Süßer Duft und ein komisches Gefühl
Die Glocke über der Tür der Bäckerei klingelte, als sie eintraten. Ein vertrautes Geräusch, das sonst warm und einladend klang, wie ein kleiner Willkommensgruß. Heute klang es ein bisschen zu laut in dem fast leeren Laden, als würde es in den Regalen zurückhallen.
Hinter der Theke stand Bäckermeister Hansen. Er trug wie immer seine weiße Schürze und eine Mütze, aber irgendetwas an ihm war anders. Sein sonst fröhliches Gesicht wirkte müde, als hätte er die halbe Nacht durchgearbeitet, und er strich sich immer wieder mit mehligen Händen über den dichten Schnurrbart, der sich bei jeder Bewegung ein Stückchen mitbog.
In den Körben lagen noch ein paar Brötchen und Brote, aber die Theke wirkte leerer als sonst. Und auf dem Platz, an dem normalerweise der Sonnenblick-Kuchen stand, war nur ein sauber gewischter Fleck zu sehen.
„Moin!“, sagte Gloria.
„Moin“, brummte der Bäcker und sah erst über sie hinweg, als würde er jemanden Größeren erwarten. Dann erkannte er sie. „Ach, die junge Fahrrad-Truppe. Ihr wollt bestimmt was Süßes?“
Ben hob kurz die Augenbrauen bei dem Wort „Truppe“. „Wir heißen Fahrradgang“, murmelte er leise.
„Vielleicht später“, sagte Gloria. „Wir wollten fragen… ähm… heute war doch eigentlich der Sonnenblick-Kuchen fürs Altenheim dran, oder?“
Hansen seufzte so tief, dass seine Mütze kurz wackelte. „Wenn ihr wüsstet, ihr Kinder. Ich… ich kann ihn heute nicht machen.“
„Warum nicht?“, platzte es aus Lynn heraus. „Alle freuen sich doch so darauf. Herr Schmidt wartet schon!“
Der Bäcker sah sich kurz um, als wolle er prüfen, ob noch jemand im Laden war. Ein Mann zahlte gerade sein Brot und verließ mit gesenktem Kopf den Laden. Dann beugte Hansen sich ein wenig nach vorn und flüsterte, obwohl weit und breit keine Kunden mehr zu sehen waren:
„Weil ich etwas verloren habe, das man nicht einfach im Supermarkt nachkaufen kann.“
„Geld?“, fragte Filiz.
„Nein“, sagte der Bäcker. „Schlimmer.“
Ben holte wie automatisch sein Notizbuch heraus. Das Leder am Rand war schon ein wenig abgegriffen, weil er es so oft mit sich herumtrug.
„Darf ich mitschreiben?“, fragte er. „Wir sind… äh… wir helfen manchmal bei Problemen.“
Hansen schaute auf das Notizbuch, dann auf die Fahrräder vor der Tür, dann auf die vier Gesichter vor ihm. Einen Moment schien er zu überlegen, ob das eine gute Idee war.
„Ihr seid doch diese… wie nennt ihr euch?“
„Die 1, 2, 3, Peng – Fahrradgang“, sagte Gloria und versuchte, so ernst zu klingen wie möglich. „Wir helfen, wenn jemand ein Rätsel hat. Oder ein Problem. Wir haben schon einen Fall gelöst.“
Die Mundwinkel des Bäckers zuckten kurz, als wolle er lächeln. Dann seufzte er wieder.
„Na gut“, sagte er. „Schlimmer kann’s ja kaum werden. Wenn ihr mir versprecht, dass ihr hier drin nichts anfasst, wo ich es euch nicht erlaube, dann erzähle ich euch, was passiert ist.“
„Versprochen“, sagten alle vier gleichzeitig.
„Also gut.“ Hansen klopfte auf die Theke, als wolle er sich selbst Mut machen. „Das hier ist nicht einfach nur eine Bäckerei. Hier drin gibt es ein Geheimnis, das in unserer Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das Rezept für den Sonnenblick-Kuchen. Nur meine Frau und ich kennen es, und es steht nur an einem einzigen Ort geschrieben.“
„In einem Geheimbuch?“, flüsterte Lynn.
„In einer kleinen Karteikarte“, verbesserte der Bäcker. „Handgeschrieben von meinem Großvater. Vergilbt und fleckig, aber für mich wertvoller als Gold. Und diese Karte ist… weg.“
Ben legte den Kopf schief und schrieb: „Geheimrezept-Karte verschwunden“.
„Seit wann?“, fragte er.
„Seit gestern Abend“, sagte Hansen. „Ich lege sie nie aus der Hand, wenn ich den Kuchen mache. Danach stecke ich sie immer wieder in eine bestimmte Schublade im Backraum. Gestern… war sie nicht da.“
„War die Schublade offen?“, fragte Filiz.
„Nein“, sagte der Bäcker. „Und soweit ich weiß, war niemand dort, der nicht dorthin darf. Aber ich finde sie einfach nicht. Ohne diese Karte…“ Er sah auf seine mehligen Hände. „Traue ich mich nicht, den Kuchen zu backen. Ich weiß vieles auswendig, aber nicht jede winzige Besonderheit. Die kleinste Abweichung kann alles verändern.“
Gloria dachte an das Altenheim, an die wartenden Gesichter. Sie sah den leeren Platz auf der Theke. Sie spürte, wie das Kribbeln in ihrem Bauch stärker wurde.
„Dürfen wir uns umsehen? Mit Ihnen zusammen?“, fragte sie.
Hansen überlegte einen Moment. Man konnte fast sehen, wie seine Gedanken hin und her wanderten: Kinder, Backstube, Verantwortung, Rezept.
„Ihr geht nirgendwohin ohne mich“, sagte er schließlich. „Kein Ofen, keine Maschinen, keine Regale klettern. Abgemacht?“
„Abgemacht“, sagten sie im Chor.
„Na gut“, murmelte Hansen und rückte seine Mütze zurecht. „Dann kommt mit nach hinten. Mal sehen, ob eure jungen Augen sehen, was meine alten nicht mehr finden.“
