Kapitel 10
Sonnenblick im Sonnenblick
Der Lieferwagen rumpelte über die Straße zum Altenheim, und hinterher fuhren vier Fahrräder wie eine kleine Eskorte.
„Das ist das erste Mal, dass wir einen Kuchen mit Begleitschutz bringen“, scherzte Filiz.
„Wir sind keine Polizei“, sagte Ben. „Wir sind Fahrradgang. Viel besser.“
Im Altenheim verbreitete sich die Nachricht schneller als der Kuchenduft. „Der Sonnenblick ist wieder da!“, rief jemand auf dem Flur. „Der echte!“
Frau Petersen saß schon am Tisch und strich nervös über das Tischtuch. Als Hansen mit der großen Kuchenplatte hereinkam, stand sie langsam auf.
„Ich glaube, ich schulde Ihnen eine Entschuldigung“, sagte sie.
„Ach was“, winkte Hansen ab. „Sie wollten nur helfen. Und hätten Sie die Karte nicht sicher verstaut, hätte ich vielleicht wirklich vergessen, wo ich sie hingelegt habe.“
„Und die Kinder hätten keinen Fall gehabt“, fügte Herr Schmidt hinzu.
„Die Fahrradgang hat gute Arbeit geleistet“, sagte Mama BausL stolz. „Sie haben nicht nur einen Zettel gefunden, sondern gleich mehrere Herzen beruhigt.“
Gloria spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Es war ein gutes Warm, kein peinliches.
Sie bekamen ihre Stücke Kuchen … warm, weich und mit genau der Note, von der Lynn gesagt hatte, sie schmecke nach Sommer.
„Wie ist er?“, fragte Hansen.
„Wie früher“, sagte Frau Petersen. „Nur ein bisschen besser.“
„Weil jetzt mehr Leute daran mitgebacken haben“, meinte Lynn.
„Und weil Sie sich an mehr erinnern, als auf dieser Karte steht“, fügte Ben hinzu.
Hansen sah auf seine Hände. „Vielleicht sollte ich mir doch zutrauen, das Rezept eines Tages weiterzugeben“, sagte er leise. „Damit es nicht mit mir verschwindet.“
Gloria dachte an das, was Frau Petersen gesagt hatte. An Tradition und Vertrauen. An Krümel im großen Kuchen.
„Wenn man etwas teilt“, sagte sie, „wird es doch meistens mehr, nicht weniger.“
Die alten Leute nickten. Der Kuchen schmeckte nach mehr als nur Zucker und Mehl. Er schmeckte nach Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig.
