Kapitel 1:
Süßer Duft und ein komisches Gefühl
An diesem Morgen roch Lübeck besonders süß.
Die Sonne stand noch nicht sehr hoch, und doch hing schon ein warmer Duft über den engen Gassen: nach frischem Brot, knusprigen Brötchen und etwas, das wie Zucker und Zimt miteinander tanzte. Die Luft über dem Kopfsteinpflaster flimmerte ein bisschen, obwohl es noch früh war, und über den roten Backsteinmauern der Altstadt schwebte eine dünne, helle Dunstschicht, als hätte jemand eine unsichtbare Decke aus Kuchenduft darübergelegt.
Gloria trat kräftig in die Pedale. Ihr Fahrrad schnurrte, seit Papa am Wochenende die Kette neu geölt hatte. Neben ihr klickten die Speichen von Bens Fahrrad im gleichmäßigen Takt, und hinter ihnen schnauften Lynn und Filiz ein wenig – aber nicht, weil sie unfit waren. Sie lachten einfach zu viel dabei, wie Filiz versuchte, während der Fahrt mit einem Fuß kleine Kieselsteine anzustupsen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
„Wenn es so riecht“, sagte Gloria und atmete tief ein, „dann ist das garantiert von der Bäckerei Hansen.“
„Das ist doch die mit dem Spezialkuchen fürs Altenheim, oder?“, fragte Lynn und schob sich eine verrutschte Haarsträhne hinters Ohr.
„Genau“, sagte Gloria. „Der Sonnenblick-Kuchen. Mama sagt, wenn der geliefert wird, strahlen im Altenheim alle wie die Sommersonne.“
„Ich strahle auch gleich“, murmelte Ben. „Vor Hunger.“
Er legte kurz eine Hand auf seinen Bauch. Filiz kicherte.
„Dein Bauch hat einfach ein besseres Timing als jeder Wecker“, neckte sie.
Sie bogen um eine Ecke, und rollten auf die kleine Straße zu, in der die Bäckerei lag. Hier kannte Gloria jede Ritze im Pflaster. Früher war sie mit ihren Eltern zu Fuß hierher gekommen, später auf dem Laufrad, und seit kurzem ganz alleine mit dem Fahrrad. Es fühlte sich immer noch ein bisschen neu an, so frei durch die Stadt zu fahren, aber auf diesem Weg war sie schon oft gewesen.
Normalerweise war vor der Bäckerei am Morgen richtig etwas los. Leute mit Einkaufskörben, eine kleine Schlange bis draußen, manchmal Kinder, die noch schnell ein Teilchen vor der Schule holten. Jemand, der seinen Hund kurz am Pfosten festmachte. Ein Fahrrad, das halb im Weg stand. Stimmen, Lachen, das helle Klingeln der Türglocke.
Heute war es anders.
Die Tür stand zwar offen, aber vor der Bäckerei Hansen war es leer. Kein Gedränge, kein Gemurmel. Nur ein älteres Ehepaar trat gerade heraus, beide mit Stirnrunzeln im Gesicht, statt mit diesem zufriedenen Ausdruck, den frisches Gebäck sonst bei den Leuten hinterließ.
„Schmeckt gar nicht wie sonst“, murmelte die Frau und hielt die Papiertüte misstrauisch von sich weg. „Da fehlt doch was.“
„Vielleicht hat er was geändert“, antwortete der Mann. „Ist ja alles nur noch anders heutzutage.“
Gloria bremste und stellte den Fuß auf den Boden. Das Vorderrad knirschte kurz über einen kleinen Stein.
„Habt ihr das gehört?“, fragte sie leise.
„Jep“, sagte Filiz und zog eine Augenbraue hoch. „Das klingt nach Ärger.“
„Oder nach einem neuen Fall“, flüsterte Ben und strich unwillkürlich über die Tasche, in der sein Notizbuch steckte.
Gloria spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Nicht das vom Hunger, sondern das andere … das, das sie inzwischen kannte. Das Bauchgefühl. Das, von dem Lennard gesagt hatte, dass es gute Seefahrer und mutige Menschen bräuchten. Es fühlte sich an wie winzige Seifenblasen, die von innen gegen ihre Bauchdecke stießen.
„Wir sind doch sowieso auf dem Weg ins Altenheim“, sagte sie. „Da können wir nachher fragen, ob der Kuchen heute anders ist. Und vielleicht…“ Sie sah zu den anderen. „Vielleicht sollten wir mal bei Bäckermeister Hansen reinschauen.“
„Nur gucken, nicht gleich reinspringen“, meinte Ben. „Erst Informationen sammeln.“
„Wir sind ja keine Möwen“, grinste Filiz. „Die springen immer direkt ins Brötchen.“
Lynn lachte, warf noch einen nachdenklichen Blick auf die ungewöhnlich leere Bäckerei und trat dann wieder in die Pedale.
Sie fuhren weiter. Vor dem Altenheim „Sonnenblick“ standen schon zwei Bewohner auf der Bank und blinzelten in die Sonne. Die Fassade war freundlich gelb gestrichen, und auf den Fensterbänken leuchteten Geranien.
Gloria stellte ihr Fahrrad ab, die anderen taten es ihr gleich. Sie schoben die Räder ordentlich in die Reihe, denn Papa hatte gesagt, eine richtige Gang hinterlasse keinen Fahrrad-Chaos-Haufen, und gingen durch die automatische Schiebetür.
„Guten Morgen, Frau Hansen! Guten Morgen, Herr Schmidt!“, rief Gloria noch über die Schulter hinaus zu den beiden auf der Bank.
„Moin, ihr jungen Leute“, sagte Herr Schmidt und tippte sich an seine Mütze. „Bestellt ihr uns den guten Kuchen? Ich freu mich schon wie jede Woche auf den Sonnenblick-Kuchen.“
„Ich weiß nicht, ob der heute kommt“, sagte Gloria ehrlich. „Aber ich frag Mama gleich.“
Im Flur des Altenheims roch es nach Bohnerwachs, Blumenwasser und einem Hauch von Kaffee. An den Wänden hingen alte Fotos von Lübeck: das Holstentor in Schwarz-Weiß, Schiffe auf der Trave, Menschen in alten Kleidern, die über den Markt gingen.
Im Aufenthaltsraum liefen leise alte Schlager aus einem Radio. Ein paar Bewohner saßen schon an einem Tisch und sortierten Spielkarten oder blätterten in Zeitschriften.
Mama BausL kam ihnen mit einem Tablett entgegen, auf dem vier Gläser Saft standen, die im Licht ein bisschen funkelten.
„Da seid ihr ja“, sagte sie und balancierte das Tablett mit einer gekonnten Drehung auf den Tisch. „Seid ihr bereit für ein bisschen Blumengießen und Zeitungsvorlesen?“
„Klar“, sagte Lynn. „Aber… Mama? Kommt heute der Sonnenblick-Kuchen?“
Die Stirn von Mama BausL legte sich in Falten. „Eigentlich ja. Freitag ist Sonnenblick-Tag.“ Sie sah auf die große Uhr an der Wand. „Komisch, dass noch nichts da ist. Der Bäckermeister ist sonst immer pünktlich wie ein Uhrwerk.“
„Vielleicht hatte er nur Verspätung“, meinte Ben. „Oder das Fahrrad vom Lieferanten hat einen Platten.“
„Bäcker Hansen liefert mit einem kleinen Lieferwagen, nicht mit dem Fahrrad“, erklärte Mama und schob ihm ein Saftglas zu.
„Schade“, sagte Filiz. „Mit dem Fahrrad wäre viel cooler.“
„Ich rufe später kurz dort an, wenn nichts kommt“, versprach Mama. „Jetzt helft mir erst mal bei den Blumen, ja? Die lassen sich nicht von Kuchen ablenken.“
Sie gossen gemeinsam die Pflanzen auf den Fensterbänken, brachten Frau Hansen (die im Altenheim wohnte) die Zeitung und halfen einem Herrn beim Sortieren von alten Fotos. Trotzdem schielte Gloria immer wieder auf die Uhr in der Ecke, deren Sekundenzeiger beharrlich seine Runden drehte.
Es wurde später. Die Sonne kletterte höher, die Schatten im Hof wurden kürzer. Kein Lieferwagen. Kein Kuchen. Nur ein paar neutrale Kekse tauchten schließlich im Aufenthaltsraum auf, und die Stimmung blieb merkwürdig gedämpft.
Als sie das Altenheim verließen, setzten sie sich kurz auf den Bordstein vor dem Eingang und tranken einen Schluck aus Glorias Wasserflasche, die schon wieder fast leer war.
„Fühlt sich komisch an“, sagte Lynn. „Als ob ein Freitag ohne Sonnenblick-Kuchen nicht richtig fertig ist.“
„Wie ein Geburtstag ohne Kerzen“, ergänzte Filiz.
„Vielleicht ist das Kuchen-Geheimnis genau das, was in der Backstube fehlt“, dachte Gloria laut. „Und vielleicht hängt das mit den unzufriedenen Gesichtern von vorhin zusammen.“
Ben ließ den Deckel seines Stifts klicken. „Also gut“, sagte er. „Wir haben komische Kundengesichter vor der Bäckerei, keinen Kuchen fürs Altenheim und ungewöhnliche Ruhe in einer Straße, wo sonst viel los ist. Ich würde sagen: Wir gehen der Sache nach.“
Gloria legte eine Hand auf ihren Bauch. Das Kribbeln war wieder da, stärker als vorhin. Ihr Bauchgefühl sagte eindeutig: Hier stimmt etwas nicht.
„Einverstanden“, sagte sie. „Die 1, 2, 3, Peng – Fahrrad-Gang kümmert sich darum.“
