Die Sonne hing warm über dem Garten der Familie BausL, und auf dem Holztisch unter der Markise stand ein Teller kleiner Cupcakes. Sie sahen aus wie winzige Kunstwerke: hellblauer Zuckerguss, gelbe Sterne, rosa Wirbel und ein paar mit dunkler Schokolade besprenkelte Krümel.
„Du hast DIE gemacht? Wirklich du? Ganz allein?“, fragte Filiz mit so großen Augen, dass man hätte meinen können, die Cupcakes seien eben aus dem Märchenwald angereist.
Lynn wurde rot. „Naja … also … ich hab ein bisschen improvisiert.“
„Impro-was?“, fragte Gloria, griff nach einem Cupcake und schnupperte daran, als ob er gleich losfliegen könnte.
„Improvisiert“, wiederholte Lynn schüchtern. „Ich hab das Rezept ein bisschen verändert.“
Filiz stopfte sich bereits einen Cupcake in den Mund und redete trotzdem weiter, wippte dabei mit den Füßen und rutschte beinahe vom Stuhl, ein wahres Wunder der Akrobatik. „Mhhmmm … die sin’ soooo guuuut … warte … oh! Hust …“
Sie verschluckte sich, wedelte mit den Händen und griff nach Glorias Trinkflasche.
Gloria lachte. „Filiz! Du musst beim Essen auch mal Luft holen!“
„Ich kann essen und reden gleichzeitig!“, protestierte Filiz, sobald sie wieder sprechen konnte. „Ich bin ein Multitalent.“
„Ein Multi-Esstalent vielleicht“, grinste Gloria und biss endlich selbst in einen Cupcake. Sie schloss verzückt die Augen. „Mhhh … Lynn! Wie hast du DAS gemacht?!“
Lynn zuckte mit den Schultern, aber ihre Wangen glühten vor Stolz. „Ich … äh … backe manchmal. Also … so heimlich.“
„Heimlich?!“ Filiz starrte sie an, als hätte Lynn gerade gestanden, ein Doppelleben als Superheldin zu führen. „Warum heimlich? DAS hier muss die ganze Welt sehen!“
„Weil … naja … ich bin nicht so gut im … naja … vor Leuten Sachen zeigen.“ Lynn nestelte an einem der Papierförmchen. „Und meine Eltern denken immer, ich lese nur Comics.“
„Was du ja auch tust“, warf Gloria ein.
„Das stimmt“, sagte Lynn und hob das Comic-Heft vom Gartentisch hoch, das bunte Cover glänzte in der Sonne. „Aber Backen ist … irgendwie meins.“
Filiz ließ sich rücklings in den Gartenstuhl fallen. „Okay, du bist offiziell das Geheimtalent der Fahrrad-Gang.“
„Einverstanden“, sagte Gloria und stupste Lynn sanft an. „Aber jetzt musst du erzählen, warum du auf einmal so viel über Frau Petersen weißt.“
Lynn blätterte in ihrem Comic, als würde sie dort eine Antwort suchen. „Ach … das war nur, weil ich neulich gehört habe, wie meine Eltern über sie gesprochen haben.“
Ihre Stimme wurde leiser. Die anderen beugten sich näher.
„Sie sagten, dass Frau Petersen viele Jahre in der Bäckerei Hansen gearbeitet hat.“ Lynn zögerte kurz, als ob sie nicht sicher war, ob sie weitersprechen sollte. „Und sie meinten, dass das für sie damals eine richtig wichtige Zeit war.“
„In der Bäckerei Hansen?!“ Gloria klappte die Cupcake- Schachtel wieder zu, als sei das gerade nebensächlich geworden. „Also … bei der Bäckerei Hansen? DER Bäckerei Hansen?“
Lynn nickte. „Ja. Und … Frau Hansen aus dem Altenheim … ist die Ehefrau vom Bäcker Hansen.“
Filiz’ Kinn fiel runter. „Moment! FRAU HANSEN … aus dem Altenheim … gehört zu der Backstube? Also … UNSERER Backstube?“
„Irgendwie ja“, flüsterte Lynn. „Ich wusste das auch nicht. Aber meine Eltern haben darüber gesprochen. Und … ich glaub, die beiden Frauen haben früher zusammengearbeitet. Deshalb kennt Frau Petersen so viele Rezepte.“
Gloria spürte ein vertrautes Kribbeln im Bauch, ein Rätsel- Kribbeln. „Aber warum lebt Frau Hansen dann nicht mehr in der Bäckerei?“
Lynn zuckte hilflos mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Meine Eltern auch nicht so richtig. Sie meinten nur: ‚Das war damals schwierig.‘“
Die drei schwiegen einen Moment. Es war kein unheimliches Schweigen, eher ein neugieriges. Eines, das sagte: Da steckt mehr dahinter.
Gerade als Gloria etwas sagen wollte, flog das Gartentor mit einem Knall auf.
„Guuute Nachrichten!!!“
Ben stürmte in den Garten, Sporttasche über der Schulter, Haare zerzaust, völlig außer Atem.
„Warum rennst du denn so?“, fragte Gloria und hielt einen Cupcake wie ein Willkommensgeschenk hoch.
„Keine Zeit für Kuchen! Also … vielleicht später“, keuchte Ben. „Ich muss euch was erzählen. Es ist wichtig! Megawichtig!“
Filiz sprang auf. „Bist du wieder Klassensprecher geworden? Hast du ein UFO gesehen? Oder … noch schlimmer … sind deine Mathetests zurück?!“
„Nein!“ Ben schüttelte heftig den Kopf. „Mein Handball- Verein macht beim Drachenboot-Festival mit! Wir trainieren schon so lange zusammen, das ist unsere erste große Chance.“
Gloria blinzelte. „Und … das ist jetzt wichtig?“
Ben sah sie an, als hätte sie gerade behauptet, Fahrräder seien langweilig. „Natürlich ist das wichtig! Mein Handballteam macht mit! Wir müssen paddeln! Als Team! Im echten Drachenboot! Auf der Trave!“
Filiz begann vor Aufregung auf und ab zu hüpfen. „Drachenboote! Wie Drachen, die auf Wasser schwimmen. MIT uns drin! Ich bin dabei!!!“
„Äh … ich glaube nicht, dass du einfach reinspringen kannst“, sagte Ben. „Es ist ein festes, hoffentlich bald gut eingespieltes Team aus meinem Handball-Verein.“
„Ist mir egal! Ich helf euch! Ich … äh … feuer euch an! Oder ich bring Kuchen mit! Oder ich … oh! Ich kann mich verkleiden als Drache!“
„Bitte nicht“, murmelte Ben, aber man sah ihm an, dass er lachen musste.
Dann wurde er ein kleines bisschen ernster. „Ich wollte euch nur sagen … das hier ist mir wirklich wichtig. Es ist unser erstes Drachenboot-Rennen überhaupt. Ich würde mich mega freuen, wenn ihr kommt und uns anfeuert.“
Einen Moment sagte niemand etwas. Man hörte nur das leise Summen einer Hummel über dem Tisch und das Knacken, als irgendwo im Garten ein Ast in der Sonne trocknete.
„Klar kommen wir“, sagte Gloria schließlich und hob ihren Cupcake wie zum Anstoßen. „Die Fahrrad-Gang lässt doch
kein Abenteuer aus. Und wenn sie nur am Ufer steht und brüllt: ‚Los, los, los!‘“
Filiz riss begeistert die Arme hoch. „Ich mach das größte Plakat der Welt! Mit Feuerdrachen und Glitzer und … und … vielleicht noch mehr Cupcakes!“
Lynn lächelte schüchtern. „Ich … ich könnte wirklich Kuchen backen. Für dein Team. Wenn du willst.“
Ben sah sie der Reihe nach an, und seine Schultern entspannten sich. „Dann ist es beschlossen“, sagte er. „Ihr kommt. Und ich gebe alles, damit ihr was zum Anfeuern habt.“
Gloria schaute in den blauen Himmel über dem Garten. Noch wusste niemand von ihnen, dass dieses Drachenboot- Festival viel mehr werden würde als nur ein sportlicher Nachmittag an der Trave.